Rüsterweg http://www.ruesterweg.de Auffallendes quer Beet Wed, 24 Aug 2016 08:49:01 +0000 de-DE hourly 1 Viel, sehr viel und noch mehr http://www.ruesterweg.de/2016/08/viel-sehr-viel-und-noch-mehr/ http://www.ruesterweg.de/2016/08/viel-sehr-viel-und-noch-mehr/#respond Wed, 24 Aug 2016 08:49:01 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2501 „Viel, sehr viel und noch mehr“ weiterlesen]]> Lila Polster 098-cManches hat man gar nicht, von anderen Dingen steht ein wenig zur Verfügung und wiederum anderes häuft sich regelrecht. Sie rätseln, was ich damit meine? Heute geht es um französische Wörter und Wendungen, die mit ungenau definierten, aber größeren Mengen zu tun haben.

Jeder kennt das Blumenorakel. Sie nicht? Aber doch. Das geht so: Er/sie liebt mich, er/sie liebt mich nicht …, und jedesmal rupfen Sie dem armen Gänseblümchen ein Blütenblatt heraus. Was das mit Mengenangaben zu tun hat? Tja, in Frankreich geht das Blumenorakel so: Il/elle m’aime (1. Blütenblatt), un peu (2. Blütenblatt), beaucoup (3. Blütenblatt usw.), passionnément, à la folie, pas du tout. Da stellt sich die Frage, die wir uns für einen anderen Tag aufheben, wie messbar Liebe ist.

Mit dem „Mengenwort“ können Sie ziemlich deutlich oder auch sehr subtil Ihre Meinung äußern und sich in unterschiedlichen Stilebenentöpfen bedienen: So ist ein Haufen Kinder oder eine Horde Kinder (un troupeau d’enfants) anders zu bewerten als eine Kinderschar (une ribambelle d’enfants).

In der französischen Sprache werden nicht selten „Mengenwörter“ verwendet, die für deutsche Ohren und Augen ungewöhnlich erscheinen, aber durchaus geläufig sind. Beispiele:

  • J’ai été confronté à une avalanche de questions, de reproches, de menaces.
  • Elle m’a servi quantité (*) de mensonges qui ne l’ont pas même fait rougir.
  • Il m’a bombardé d’une kyrielle de questions, de reproches, de menaces.
  • Elle possède tout un bataillon de casseroles dans sa cuisine.
  • Tous les jours, je reçois un flot de messages électroniques.

(*) Quand ils ne sont pas précédés d’un article, les collectifs « nombre » et « quantité » ont le sens de « un grand nombre », « beaucoup ». Ils restent au singulier, même si le verbe qui suit est au pluriel.

Plein de ist umgangssprachlich bzw. Kindersprache, ebenso un tas de oder une floppée (auch: flopée), une bande de:

  • J’ai plein d’amis, plein de livres, j’ai un tas de livres.
  • J’ai mangé plein de chocolat, un tas de petits gâteaux.
  • Dans la cour d’école, toute une floppée de gamins jouait au foot.
  • Elle a invité un tas de fillettes pour fêter son anniversaire.
  • « Dans sa chambre […] une bande d’étudiants l’attendait impatiemment … » (Gilbert Bécaud, Nathalie)

Auf einer höheren Stilebene heißt es dann:

  • J’ai beaucoup d’amis, une foule d’amis, une kyrielle d’amis, beaucoup de livres, une foule de livres, un grand nombre de livres, une multitude de livres.
  • J’ai mangé beaucoup de chocolat, beaucoup de petits gâteaux.

Das Wort essaim ist übrigens ein interessanter Kandidat: un essai d’abeilles (Bienenschwarm) ist die ursprüngliche Bedeutung, daraus abgeleitet alles, was sich bildhaft gesehen wie ein Bienenschwarm bewegt, also was wimmelt und wuselt. Beispiele:

  • Lorsque la sonnerie de la récréation retentit, un essaim d’enfants courut hors de la classe.
  • A 18 heures, un essaim d’ouvriers quitte l’usine.

Auch das Wort nuée ist interessant: une nuée de moustiques ou de sauterelles inspiriert zu diesen Beispielen:

  • Il a été tué par une nuée de balles.
  • L’avocat de la défense a fait appel à une nuée de témoins.

Vorsicht: Bei Fischen wird das Wort Schwarm weder mit essaim noch mit nuée übersetzt. Es heißt: un banc de poissons.

Ebenso aus der Tierwelt: une meute de chiens, de loups

Dès l’ouverture, une meute de curieux s’est précipitée dans le magasin.

Poetisch wird es zum Beispiel hier:

Elle pleure tout un océan de larmes.

Einiges ist auch dem Deutschen ähnlich:

  • Il a hérité d’une bonne dose d’humour.
  • Il lui faudra une belle portion de patience pour …
  • Elle a acheté toute une série de chaussures et sacs à main assortis.
  • J’ai mangé une montagne de salade verte.

 Ganz besonders diffizil ist die Anwendung von „une pléiade“. In der griechischen Mythologie sind die Plejaden die sieben Töchter des Titanen Atlas und der Okeanide Pleione, die von Zeus in Sterne verwandelt wurden. Daher empfiehlt sich, den Ausdruck „une pléiade de …“ nur im Zusammenhang mit kleineren Mengen zu verwenden, wobei es sich nicht zwangsläufig um genau 7 handeln muss. Beispiele:

Il avait invité une pléiade d’amis à dîner. (Das können auch 9 oder 10 Personen sein, aber keine 30).

Puristen streiten sich übrigens darüber, ob die Wendung „une pléiade de stars“ ein Pleonasmus ist (wegen der Verwandlung der Plejaden in Sterne).

Gerne wird auch der Wortschatz aus dem militärischen Bereich bemüht:

  • Elle est arrivée dans la salle avec toute une armée, une armada de collègues chargés de matériel.
  • Le metteur en scène dirige une légion de figurants de droite à gauche et vice-versa.
  • Elle est fière de son bataillon étincelant de plats et casseroles.
  • Nous avons été surpris par une brigade de touristes qui voulaient faire la fête dans notre jardin.
  • Il ne se déplace jamais sans son escadron de petits-enfants.

Und auch die Medizin trägt ihren Teil bei:

Ces dernières années, une pléthore de chômeurs est tombée à travers les mailles du filet social.

Il n’a pas voulu partir sans m’avoir posé une pléthore de questions.

 

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Glossar Nr. 2: Schluckauf http://www.ruesterweg.de/2016/08/glossar-nr-2-schluckauf/ http://www.ruesterweg.de/2016/08/glossar-nr-2-schluckauf/#comments Mon, 22 Aug 2016 12:46:24 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2492 „Glossar Nr. 2: Schluckauf“ weiterlesen]]> Schluckauf BildJeder kennt ihn, wahrscheinlich hat ihn jeder selbst mindestens einmal erlebt: den Schluckauf. Medizinisch ist der Schluckauf ein hochinteressantes Phänomen, weshalb ich ihm ein Glossar gewidmet habe.

In der medizinischen Fachsprache heißt er Singultus, was so viel wie „Schluchzen, Schlucken“ heißt. Man sitzt da, plötzlich … hicks. Da hat man ihn erwischt, den Schluckauf. Oder vielmehr umgekehrt: Er hat einen fest im Griff. Ein paar Minuten in der Regel, dann ist er wieder weg. Der US-Amerikaner Charles Osborne aus dem US-Bundesstaat Iowa war allerdings jahrelang von Singultus geplagt: Zwischen 1922 und 1990 litt er unter Dauerschluckauf und musste schätzungsweise 430 Millionen Mal hicksen. Damit schaffte er es ins Guinness-Buch der Rekorde – aber wahrscheinlich hätte er gerne darauf verzichtet.

Tipps, um den Schluckauf loszuwerden, gibt es viele: Kaltes Wasser trinken, Wasser trinken und dabei die Luft anhalten, ein Stück Zucker essen, sich erschrecken lassen, Kopfrechenübungen machen … Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass man sich vom Hickser ablenken lässt.

Im frühen 13. Jahrhundert wussten die Chinesen bereits: „Das Fell des Bauches spielt das Spiel der tanzenden Wogen“. Alle Achtung! Inzwischen ist der Singultus zumindest physiologisch erforscht. Dauert er nur wenige Minuten, ist er harmlos. Tritt er sehr häufig auf oder dauert er länger, zum Beispiel 48 oder mehr Stunden, sollte der Geplagte den Arzt aufsuchen. Denn der Singultus könnte ein Begleitsymptom einer Erkrankung sein. Das können ganz unterschiedliche Erkrankungen sein, so dass mein deutsch-französisches Glossar rund um das Thema Schluckauf doch recht umfangreich geworden ist. Das Glossar ist übrigens von einer zweisprachigen Medizinerin geprüft worden.

Deutsch-französisches Glossar rund um das Thema Schluckauf:
hier zum Download

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Wenn einer eine Reise tut … http://www.ruesterweg.de/2016/08/wenn-einer-eine-reise-tut/ http://www.ruesterweg.de/2016/08/wenn-einer-eine-reise-tut/#respond Tue, 16 Aug 2016 14:04:00 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2475 „Wenn einer eine Reise tut …“ weiterlesen]]> Kurpark in Bad Hersfeld
Kurpark in Bad Hersfeld

dann kann er was erzählen, doch nicht immer ist das Erlebte von Interesse für die Allgemeinheit. Der diesjährige Aufenthalt in Bad Hersfeld war allerdings wieder so vielfältig, dass ich Sie daran teilhaben lassen möchte. Kommen Sie mit auf die Reise? Los geht’s!

Das kleine Kurstädtchen Bad Hersfeld  im Nordosten Hessens, in dem Konrad Duden von 1876 bis 1905 Direktor des königlichen Hersfelder Gymnasiums war und der Computerpionier Konrad Zuse 1957 seinen Firmensitz hinverlegte, ist allemal eine Reise wert. In Bad Hersfeld betreibt Amazon sein ältestes Logistikzentrum in Deutschland. Das im September 1999 eröffnete Zentrum mit seinen ursprünglich 42.000 Quadratmetern – das sind 7 Fußballfelder – an Lagerfläche, das 2009 durch ein zweites 110.000 m² großes Areal – das sind wiederum 17 Fußballfelder – ergänzt wurde, beschäftigt 3.200 Mitarbeiter und besticht durch seine optimal durchorganisierten Prozesse. Auch die im Zwischenbuchhandel tätige Firma Libri, die sich übrigens im hundertprozentigen Eigentum der Unternehmerfamilie Herz (Tchibo) befindet, hat in Bad Hersfeld, der „logistischen Mitte“ Deutschlands, ein hochmodernes Distributionszentrum errichtet.

Konrad Zuse (li.) und Konrad Duden
Konrad Zuse (li.) und Konrad Duden

Seit 1951 finden jeden Sommer in der im Jahr 1761 bei einem Brand zerstörten Stiftskirche die überregional bekannten Bad Hersfelder Festspiele statt, weshalb die Stadt auch das „Salzburg des Nordens“ genannt wird. Die Stiftsruine bietet eine hervorragende Kulisse für Theaterstücke und Musicals. Die Bad Hersfelder Festspiele besuche ich seit etwa 15 Jahren – nicht jedes Jahr, aber fast. So standen bisher unter anderem Shakespeares „Sommernachtstraum“, Molières Komödie „Amphitryon“, Schillers „Jungfrau von Orléans“, Goethes „Faust I“ und „Faust II“ mit Rufus Beck als Mephisto und viele andere Klassiker auf dem Programm. Auch begeisterten mich die Aufführungen der Musicals „West Side Story“, „Les Misérables“ oder das legendäre „Jesus Christ Superstar“, für die die Stiftsruine als Kulisse geradezu prädestiniert ist.

Stiftsruine in Bad Hersfeld
Stiftsruine in Bad Hersfeld

Für die Spielzeiten von 2015 bis 2018 konnte Dieter Wedel als Intendant verpflichtet werden. Wir besuchten in diesem Jahr das Musical „Cabaret“, das bereits 2015 auf dem Festspielprogramm stand. Die Premiere der Wiederaufnahme in diesem Jahr fand am 12. August statt, weshalb wohl auch Dieter Wedel in der Reihe vor uns saß. Helen Schneider in der Rolle des Conférenciers und Bettina Mönch als Sally Bowles überzeugten beide mit ihrer Stimme und Darbietung. Überhaupt war „Cabaret“, das ich zum ersten Mal sah, so ganz anders als jedes andere Musical, das ich kenne: schrill, schräg und schrullig, aber beeindruckend. Als ich Herrn Wedel am Ende, der mir beim Verlassen der Ruine entgegen kam, sagte: „Sehr schöne Inszenierung, Herr Wedel, hat mir gut gefallen“, antwortete er mit strahlenden Augen: „Das freut mich, das freut mich sehr“.

Bad Hersfeld, wie gesagt, ist eine Reise wert. Wer sich für Kultur, Kunst und Kulinarik interessiert, kommt allemal auf seine Kosten. Wer jedoch mit Hund reist, erlebt so einiges, wenn er seinen Appetit – den eigenen, nicht den des Hundes – stillen möchte. Während wir in Stern*s Restaurant (ja, so schreibt es sich laut Website) nicht nur hervorragend gegessen haben und unser Terrier Filou selbstverständlich willkommen war, hieß es im Restaurant Rossa, das abends mit einer „Bistro-Karte“ aufwartet, Hunde seien im Restaurant „verboten“. Genau gegenüber, auf der anderen Seite des Kurparks, befindet sich das Hotel Am Kurpark. Im Restaurant des Hotels war es kein Problem, dass Filou dabei war. Das Pikante an der Sache: Inhaber aller drei gerade genannten Häuser ist ein und dieselbe Familie Kniese.

Im Kurpark dampft es gewaltig.
Die Magische Quelle, die den Dampf versprüht.
Die Magische Quelle, die den Dampf versprüht.

 

 

 

 

 

Wer Bad Hersfeld besucht, sollte die Gelegenheit wahrnehmen, über Land nach Eisenach zu fahren und die Wartburg zu besuchen. Auf dem Weg nach Eisenach beeindruckt die Abraumhalde Monte Kali der K+S AG bei Heringen (Werra). Die K+S AG, früher Kali und Salz AG, ist der größte Salzproduzent der Welt. Die Strecke nach Eisenach führt über pittoreske Dörfer mit alten Fachwerkhäusern, über hügelige Straßen, deren Belag noch aus DDR-Zeiten stammt, durch dichte Wälder und grüne Wiesenlandschaften.

Monte Kali in Heringen
Monte Kali in Heringen

In Eisenach selbst fiel uns die vergleichsweise hohe Zahl der Bettler auf, die mit ihren Bittschriftzetteln auch durch Cafés und Gasthäuser liefen und jeden Gast ansprachen. Warum ist das erwähnenswert? Weil sie deutlich zahlreicher in Erscheinung traten als in jeder anderen Stadt, die ich bisher gesehen habe. Alle paar Meter bietet ein Stand die obligatorische wohlduftende Thüringer Bratwurst an – da kriegt man garantiert Appetit! Zufällig entdeckten wir „Die Manufaktur“, wo Eis und Pralinen noch von Hand hergestellt und frisch geröstete Kaffeespezialitäten aus Erfurt verkauft werden. In der gläsernen Manufaktur direkt hinter dem Verkaufsladen können interessierte Leckermäulchen den Konditoren und Eisköchen über die Schulter schauen.

Die Wartburg in Eisenach
Die Wartburg in Eisenach

Die Wartburg ist ab dem Parkplatz durch einen relativ kurzen, aber recht steilen Fußweg zu erreichen. Der prachtvolle und gut gepflegte Bau beeindruckt. Dass die Führung durch die Räumlichkeiten und der Zutritt zur Sonderausstellung “Luther und die deutsche Sprache“ nur ohne Hund möglich sind, kann ich nachvollziehen, dass Hunde das einzige Café auf der Wartburg nicht betreten dürfen, befremdet uns. Nach kurzem Aufenthalt im völlig überfüllten Burghof steigen wir wieder ab – eine Herausforderung für die Knie, aber … „wir schaffen das“.

Auf der Rückfahrt beschließen wir, einer Empfehlung nachzugehen und in Göbel’s Schlosshotel „Prinz von Hessen“ in Friedewald essen zu gehen. Doch dieses Vorhaben ließ sich nicht umsetzen: Einerseits war der Empfang nicht besonders freundlich, andererseits durften auch dort Hunde das Restaurant nicht betreten. Bis wir dies jedoch erfuhren, wurden wir sage und schreibe vier Mal gefragt, ob wir Hausgäste des Hotels seien. Nach unserer Erfahrung dort werden wir wohl nie in die Verlegenheit kommen, es zu werden. Ich kann durchaus verstehen, dass Restaurants, die mit einem oder mehreren Michelin-Sternen ausgezeichnet sind, Hunde nicht akzeptieren. Nicht jeder Gast ist ein Tierfreund. Aber alle Restaurants, die wir während unseres Aufenthalts in und um Bad Hersfeld besuchen wollten und die den Zutritt für Hunde verweigern, waren **keine** Sterne-Restaurants, sondern „ganz normale“ (Gast-)Häuser.

Übrigens: Unsere absolute Hotelempfehlung für Hersfeld-Besucher mit und ohne Hund: das Hotel Haus am Park. Ein gut geführtes Hotel in ruhiger Lage mit schönen, geräumigen Zimmern mit Balkon oder direktem Zugang zum wunderschönen Garten und einem ganz tollen Frühstückbuffet. Der überaus freundliche und hilfsbereite Empfang durch das Ehepaar Schmidt, der individuelle Service und die vielen kostenlosen Extras wie zum Beispiel Kaffee, Tee und Kuchen an der Kaffeebar in der Lobby sind sehr erfreulich. Hunde sind nicht nur willkommen, sondern kosten auch nicht extra und … werden von der Hauskatze problem- und reglos akzeptiert.

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Unübersetzbare Wörter? Kein Problem für den Profi! http://www.ruesterweg.de/2016/07/unuebersetzbare-woerter-kein-problem-fuer-den-profi/ http://www.ruesterweg.de/2016/07/unuebersetzbare-woerter-kein-problem-fuer-den-profi/#comments Wed, 13 Jul 2016 16:27:53 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2466 „Unübersetzbare Wörter? Kein Problem für den Profi!“ weiterlesen]]> Briefkasten 2Wo der Laie denkt, man brauche ja nur in einem Wörterbuch nachzuschlagen oder ein automatisches Übersetzungsprogramm zu bemühen, weiß der Profi-Übersetzer: Wörter und Wendungen lassen sich nicht  immer 1:1 übersetzen. Außerdem hat jeder Übersetzer seine … „Spezialwörter“, denen er am liebsten nicht begegnet.

Dass Sprache lebt und sich dem Zeitgeist, den Vorlieben mancher Bevölkerungs- und/oder Altersgruppen und auch der technischen Entwicklung anpasst, ist eine Binsenweisheit. Und dass die französische Sprache – wenn es nach den Entscheidern ginge – vor Anglizismen und anderen sprachlichen Einflüssen bewahrt werden, ja gänzlich ohne diese „Unwörter“ auskommen soll, ist auch nichts Neues. Über das Reinheitsgebot der französischen Sprache hatte ich bereits vor einiger Zeit geschrieben.

Worum es mir heute geht: Jede Sprache wartet mit Wörtern auf, die schwer in die eine oder andere Fremdsprache zu übersetzen sind. Klar, das Wörterbuch nennt Entsprechungen. Wer sich aber in der Zielsprache zu Hause fühlt, weiß: Nein, das passt nicht hundertprozent – und wenn nur eine kleine Nuance fehlt. Oft empfindet der eine das so, während ein anderer der Meinung ist, das fremdsprachliche Pendant sei völlig in Ordnung. Das ist eben Sprache. Und genau da zeigt sich, wer ein guter Übersetzer ist. Denn je nach Kontext führt der Weg nur über Umschreibungen – und die müssen genau sitzen.

Meine Beispiele entnehme ich selbstverständlich aus meinem Sprachpaar Deutsch <> Französisch …

Gemütlich. Die Hütte, die Couch ist gemütlich. Das war gestern so schön gemütlich bei euch. Wir machen einen gemütlichen Spaziergang.

Das ist noch eines der einfachen Fälle. Das Wörterbuch schlägt confortable, convivial vor. Aber passt das immer? Bon, le sofa est confortable, d’accord. Man sitzt bequem darauf, aber bei der Hütte fängt es schon an. Sie ist mehr als nur confortable. Bei euch war es auch mehr als nur „convivial“, on se sentait à l’aise, comme chez nous, c’était bien, nous avons passé une agréable soirée … Aber ein Wort, um all das auszudrücken?

Mehr oder weniger regelmäßig, insbesondere im Sommerloch, wenn nicht gerade die Fußball-EM oder die Olympischen Spiele stattfinden, wird diese Frage auch von deutschen Zeitungen thematisiert. Doch nicht alle genannten mutmaßlich unübersetzbaren Wörter sind es tatsächlich. Warum? Weil sich die Autoren dieser Artikel mit einem ganz anderen Blickwinkel auf solche Wörter stürzen. So wird hier unter anderem Fremdschämen genannt. Avoir honte pour quelqu’un d’autre. Wo ist das Problem? Oder: Fingerspitzengefühl haben? Avoir du doigté. Geht doch. Weiteres Beispiel: Sie hat Kummerspeck angelegt? Elle doit ses rondeurs au chagrin. Natürlich streitet man sich in dem einen oder anderen Forum, ob rondeurs besser ist als bourrelets. Also ich persönlich wäre schon beleidigt, wenn meine Rundungen als bourrelets bezeichnet würden. 😉

Übrigens gefällt es mir sehr, wenn in den Foren über diesen oder jenen Begriff diskutiert wird, zeigt es doch, dass man sich damit auseinander setzt, darüber nachdenkt und versucht, den richtigen Begriff, die passende Formulierung zu finden.

In oben genanntem Artikel wird auch verabreden angeführt. Das ist ja mal überhaupt kein Problem im Französischen: prendre rendez-vous, fixer un rendez-vous. Auch die Schnapsidee findet in der idée saugrenue ihr Pendant. Gut, da geht der Schnaps verloren, aber Schnapsideen entstehen auch ohne Hochprozentiges. Und wer meint, die fremdsprachliche Entsprechung von Schnapsidee müsste unbedingt das Wort Schnaps enthalten, der moniert wahrscheinlich auch, dass dem Zieltext im Vergleich zum Ausgangstext 17 Wörter fehlen. Einen ähnlich falschen Ansatz bietet das Video zu diesem Artikel. Hier behauptet der Autor unter anderem, dass es kein Wort für Zungenbrecher im Englischen gibt, und führt dennoch tongue twister an. Klar, er erkennt die Zunge, was ihm missfällt ist, dass sie „getwistet“ und nicht gebrochen wird. Übersetzerprofis denken in anderen Kategorien.

Zurück zum eigentlichen Thema: Der Brückentag kommt eigentlich aus der französischen Wendung faire le pont. Scheinheilig hat eine ganze Reihe von Entsprechungen, angefangen bei d’un air doucereux bis hin zu avec une mine de sainte nitouche.

Schwieriger wird es zum Beispiel mit Fernweh. Und selten liegen die gängigen Wörterbücher und automatischen Übersetzungsprogramme so daneben: avoir la bougeotte (GT), ha ha, selten so gelacht. Envie de courir le monde (Pons), passt nur, wenn ich zum Beispiel sage, dass er/sie ständig von Fernweh geplagt ist. Und Langenscheidts Vorschlag envie des pays lointains ist nicht brauchbar, wenn ich sage, dass die Ausstellung über die Provence Fernweh in mir geweckt hat. Fazit? Der Übersetzer muss den Kontext genau erspüren und sich in die Situation hineinversetzen. Der Profi kann das. Ihm bereitet das Übersetzen der immer wieder als unübersetzbar hingestellten Wörter Schadenfreude, Weltanschauung, Ohrwurm, innerer Schweinehund usw. auch keine Schwierigkeiten – Wer sagt denn, dass 1 deutsches Wort mit nur 1 französischen Wort übersetzt werden soll? Wer gut übersetzt, denkt in der Zielsprache situativ. Wer für 1 Wort in der Sprache A immer nur 1 Wort in der Sprache B sucht, ist 1. kein Profi und 2. kein guter Übersetzer.

Ebenfalls knifflig sind Wörter und Wendungen, die alles und nichts und zudem noch alles Mögliche und Unmögliche bedeuten (können). Beliebtes Beispiel in der Sprachkombination FR > DE ist gérer. Il faut gérer les conflits, gérer la nervosité de cet enfant, gérer les désistements aux inscriptions … Oft passt Umgang, umgehen mit, aber leider nicht immer. Wenn der Küchentischübersetzer die im Lexikon erstgenannte Übersetzung wählt, dann fragt sich der Leser des Zieltextes womöglich, wie man die Nervosität eines Kindes verwalten kann. Vielleicht mit einer Excel-Tabelle?

Weiteres Beispiel, das in Geschäftsunterlagen häufig vorkommt: challenger les objectifs. Die Ziele wurden erreicht, prima, dann muss man sie eben höher setzen (challenger), denn nur Fortschritt bringt uns weiter. Nicht einfach in kurzen Worten wiederzugeben. Oder auch la performance – von Leistung bis Produktmerkmal ist (fast) alles drin. Und wenn wir schon dabei sind: l’excellence opérationnelle – auch sehr schön! Und: valoriser les résultats. Ha ha! Außerdem darf ich les délivrables nicht vergessen …

Zwei weitere aus dem sog. Marketingsprech nicht wegzudenkende Wörter sind erleben und Erlebnis. In manchen Werbeunterlagen kommt man kaum noch zum Durchatmen: Erlebnishungrige kommen nach Karlsruhe, man soll in einem Museum Faszination erLeben (sic), die Stadt hautnah erleben, möglichst im Erlebnisbad die wahre Freude erleben … Vor lauter Erlebnis stockt einem der Atem.

Angesichts solcher Formulierungen hilft nur eines: sich gänzlich vom Ausgangstext lösen und gedanklich in die fremdsprachliche Welt eintauchen, sich fragen, wie ein Franzose (in meinem Beispiel) das sagen würde und kontextbezogene Lösungen finden – das geht schon in Richtung Transkreation … Ein Übersetzerprofi kann das! Oder wie mein Kollege Thomas Saalfeld einmal sagte: „Das ist halt die Excellence in unserer Arbeit. Man denke nur an die Ausschüttung von Glückshormonen, wenn man eine tolle Formulierung gefunden hat, von deren komplizierter Entstehungsgeschichte der Kunde nicht die blasseste Ahnung hat. Ich empfinde daher die Übersetzertätigkeit als sprachlich schöpferische Arbeit und nicht als die Suche nach Entsprechungen, je nach Textsorte unterschiedlich ausgeprägt.“ Genau so ist es!

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Eigentum verpflichtet http://www.ruesterweg.de/2016/06/eigentum-verpflichtet/ http://www.ruesterweg.de/2016/06/eigentum-verpflichtet/#respond Wed, 15 Jun 2016 15:18:06 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2451 „Eigentum verpflichtet“ weiterlesen]]> P1110592… heißt es in Artikel 14 des Grundgesetzes. Das entbindet den Mieter jedoch nicht der ihm obliegenden Sorgfaltspflicht. Erkenntnisse aus dem realen Leben …

Das Konzept des Eigentums bzw. das Eigentumsrecht ist in Deutschland ein rechts- und sozialphilosophischer Grundsatz, bei dem gefordert wird, dass der Gebrauch des Eigentums dem Gemeinwohl nicht zuwiderlaufen bzw. ihm zugutekommen soll. Sehr gut!

Nehmen wir das Beispiel eines Hauseigentümers. Vor vielen Jahren hat er mit seiner Frau ein Grundstück erworben, ein Haus darauf gebaut, sich viele Gedanken gemacht und noch mehr finanzielle Leistungen erbracht, bis das Haus ein schönes Zuhause wurde. Mit viel Liebe zum Detail haben beide exklusive Ausstattungsgegenstände ausgesucht: eine wunderschöne Treppe aus massiver Esche, schöne Armaturen für Bad und Küche, praktische Badmöbel, eine hochwertige Küche, moderne Lichtschalter und vieles mehr. Die Hauseigentümer haben die Terrassen im mediterranen Stil eingerichtet, Lavendelbüsche gesetzt, die nicht nur die hungrigen Bienen erfreuen, und eine praktische Sonnenbeschattung vorgesehen. Sie haben das Garagendach vom einem der Balkone aus begehbar gemacht und mit hübschen Pflanzen begrünt, die Balkone mit hochwertigen Holzgeländern geschmückt. Sogar an die Tröge für Blumenkästen am Balkon und handgeschmiedete Sicherungen (ebenfalls für Blumenkästen) an den Fenstern haben sie gedacht – es wurde nicht gespart. Schließlich sollte es ja schön sein. Der Garten ist in Schuss, der Rasen grün, die Buxbäume prächtig, der Steingarten und die Kletterrose beeindruckend – auch der Kräutergarten neben den Johannisbeersträuchern und dem Quittenbaum macht Freude.

Gartenhütte mit Vorplatz nach ca. 20 Jahren - vor der Erstvermietung
Gartenhütte mit Vorplatz nach ca. 20 Jahren
Vorplatz vor der Gartenhütte nach 4 Jahren Vermietung
Vorplatz vor der Gartenhütte nach 4 Jahren Vermietung

Eines Tages nach zwanzig Jahren bauen die Hauseigentümer in unmittelbarer Nähe ein zweites Haus und beschließen, einer Familie mit Kindern das erste Haus zu vermieten. Die Familie sollte sich darin wohl fühlen und dort ihr neues Zuhause finden. Die Hauseigentümerin hatte darum gebeten, ein paar Ableger aus ihrem ersten Garten zu holen, wenn es ans Anlegen des Gartens des zweiten Hauses ging. Vor dem Unterzeichnen des Mietvertrags war dieses Ansinnen „überhaupt kein Problem“. Doch nanu – als es soweit war, verweigerten die Mieter strikt den Zutritt zum Garten. Schließlich zahlten sie ja Miete. Nun denn, enttäuschend, aber nicht dramatisch. Und höchst seltsam.

Nachbarn und Bewohner des beschaulichen Wohnviertels, in dem praktisch jeder jeden kennt und in dem die Hauseigentümer die Mieter als nette Familie mit Kindern angekündigt hatten, wunderten sich darüber, dass es im Garten keinerlei Aktivitäten gab, man weder Eltern noch Kinder je im Garten oder auf der vorderen Terrasse sah, ja, dass auf Letzterer nicht einmal ein Blumentopf zu sehen war. Nun ja, jeder nach seiner „Fassong“, würde meine Oma sagen. Integration in eine gewachsene Gemeinschaft – denn das ist die Hardecksiedlung – sieht anders aus, aber man kann ja niemanden zwingen. Ach ja: Die Mieter waren und sind Deutsche, das nur nebenbei, und Akademiker.

So vergingen vier Jahre, bis eines Tages die Mieter kündigten – schriftlich, per Einschreiben mit Rückschein. OK, auch gut. Die Hauseigentümer suchten und fanden sehr schnell neue Mieter. Bei der Übergabe des Hauses durch die alten Mieter an die Hauseigentümer staunten Letztere nicht schlecht. Um ehrlich zu sein: Sie waren entsetzt. Noch nie hat man so viel Dreck, so viel mangelnde Sorgfalt, so viel Desinteresse gesehen. Nein, keine mutwillige Zerstörung, sondern Vernachlässigung und ein „Uns-Mietern-ist-das-alles-egal-schließlich-zahlen-wir-ja-Miete“-Verhalten. Armaturen, Waschbecken, Küchenspüle usw. sind mit schärfsten Putzmitteln „behandelt“ worden, so dass sie völlig zerfressen sind. Auch die Siphons unter den Waschbecken sind dick mit Rohr- und Metallfrass bedeckt und nicht mehr zu retten. Die Toilettenschüsseln sind in einem Zustand, den die Hauseigentümer in zwanzig Jahren nicht erreicht haben.

Abzug Dreck (4) Der Backofen und die Mikrowelle sind versifft – jedoch ist das nichts gegen die Dunstabzugshaube, die wohl in vier Jahren nicht ein einziges Mal gereinigt worden ist. Die Wände mit Bohrlöchern und roten Dübeln übersät, Vollholzfenster mit Schrauben und Haken beschädigt und teilweise mit Schimmel an den Fugen zwischen Glas und Holz befallen. Die Vorhänge – immer noch die, die die Hauseigentümer damals „für den Übergang“ überlassen hatten – sind so schwarz, dass man durch bloßes Abhängen völlig dreckige Hände bekommt. Die Lichtschalter und Steckdosen, einst weiß, sind verschmiert und grau. Die Rollladengurte nahezu schwarz, die Duschabtrennung verdreckt und verschimmelt, die Echtholzzargen ebenfalls stark verschmutzt und klebrig. Die ursprüngliche teure Duschbrause ist durch eine billige Discounter-Variante ersetzt worden und … völlig verkalkt (wo die einstige Duschbrause geblieben ist, wissen nur die Götter).

Bad OG Armaturen (3)Die Aufzählung könnte noch lang so weitergehen, doch dies wäre ziemlich sinnlos. Was mich beschäftigt und nicht locker lässt, ist die Frage, wie „eigentlich“ gebildete Menschen ein Haus, das sie bewohnen, so verkommen lassen können. Wie sie das unter einer derart verdreckten Dunstabzugshaube zubereitete Essen haben genießen können. Wie sie mit dem Gedanken an zerstörten Gegenständen, die ihnen nicht gehören, umgehen konnten. Wie sie beispielsweise auch den weißen freistehenden Briefkasten oder die beiden Eingangstore nebst Steinplatten so haben verdrecken und vermoosen lassen können, ohne auch nur den geringsten Gewissensbiss zu haben. Wie sie den Rasen und die Pflanzen im Garten, den Steingarten und den Kräutergarten so haben vernachlässigen können. Wie sie zuschauten, während der Holzhandlauf an den Balkonen langsam verfaulte, so dass er jetzt zerbröselt, wenn man ihn nur anfasst.

Das war einmal ein gepflegter Rasen.
Das war einmal ein gepflegter Rasen.

Es ist mir ein Rätsel. Wäre ich Mieterin – und ich war fast 25 Jahre Mieterin in diversen Objekten – würde ich mich in Grund und Boden schämen, ein Haus in diesem Zustand an die Eigentümer zurückzugeben. Beschämend für diese Mieter! Die Hauseigentümer durften das Grundstück während der vier Jahre, in denen die Mieter dort wohnten, nicht betreten. Unter keinen Umständen – übrigens konnten die in Baden-Württemberg gesetzlich vorgeschriebenen Rauchmelder auch nur nach mehrfachen Hinweisen auf die gesetzliche Vorschrift durch einen Handwerker installiert werden. Hatte da jemand eine Leiche im Keller? Keine Ahnung.

Balkon Handlauf OG1 (3)

Meine Meinung: Nicht nur Vermieter haben Pflichten. Dem Mieter obliegen laut § 543 Abs. 2 Satz.1 Nr. 2 BGB Obhuts- und Sorgfaltspflichten. So hat der Mieter mit der Mietsache pfleglich und schonend umzugehen. Er muss die Haus- und Wohnungsschlüssel sorgfältig aufbewahren (bis auf 2 Schlüssel sind alle „verschwunden“). Bei sog. Betriebsstörungen ist der Mieter verpflichtet, diese unverzüglich anzuzeigen und erforderlichenfalls zunächst unaufschiebbare Sicherungsmaßnahmen selbst zu treffen (Schadensvermeidungspflicht) – Stichwort Handlauf an den Balkonen.

Eigentum verpflichtet – ich meine: auch den Mieter. Nicht zuletzt, da der Besitz des Mieters an der Mietwohnung vom Bundesverfassungsgericht grundsätzlich in den Schutzbereich des Eigentums einbezogen wurde. Ich meine: Wer fremdes Eigentum, das ihm anvertraut wird, so respektlos behandelt, verdient keinen Respekt. Da tut es nichts zur Sache, dass derjenige Miete bezahlt hat.

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Hardecksiedlung: das Karlsruher Idyll http://www.ruesterweg.de/2016/05/hardecksiedlung-das-karlsruher-idyll/ http://www.ruesterweg.de/2016/05/hardecksiedlung-das-karlsruher-idyll/#respond Tue, 17 May 2016 09:10:26 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2434 „Hardecksiedlung: das Karlsruher Idyll“ weiterlesen]]> Schon Ende 1932 wurden die ersten Holzhäuser in der Karlsruher Hardecksiedlung bezogen. (Foto: Falkenberg-Chronik)
Schon Ende 1932 wurden die ersten Holzhäuser in der Karlsruher Hardecksiedlung bezogen. (Foto: Falkenberg-Chronik)

Wohnen im stadtzentrumnahen Grünen, wo Kinder unbehelligt auf der Straße spielen können, wo (fast) jeder jeden kennt, wo in den Gärten noch ordentliche Mengen Obst und Gemüse geerntet werden – gibt es das? Ja, das ist die Karlsruher Hardecksiedlung. Begleiten Sie mich auf eine geschichtliche Entdeckungstour …

1979 zog ich aus beruflichen Gründen nach Karlsruhe und wohnte erst in Knielingen, dann in der Innenstadt, bis wir bauen wollten und uns ein Grundstück in der Hardecksiedlung angeboten wurde. Hardecksiedlung? Wo ist das denn? Es stellte sich heraus, dass wir zwar oft mit dem Fahrrad durch dieses Viertel gefahren waren, der Name uns aber nicht bekannt gewesen war.

Knapp zwei Kilometer vom Karlsruher Stadtkern entfernt liegt die Hardecksiedlung, grob betrachtet zwischen der heutigen Südtangente und der Pulverhausstraße. Das reine Wohnviertel verdankt seine Entstehung der Wirtschaftkrise 1929 und der damals sehr hohen Arbeitslosigkeit. Im Jahre 1931 entschloss sich dann die Stadt Karlsruhe, am Rande der Stadt ein Siedlungskonzept im Rahmen der „Brüningschen Notverordnung“ zu verwirklichen. Hintergrund der Maßnahmen waren die Fürsorge für kinderreiche Familien und die Beseitigung der Wohnungsnot. Bei der Planung des Vorhabens gab es viel Kritik ob der entstehenden Kosten für die Stadtkasse und des „Fiaskos der Karlsruher Ostsiedlung“.

Lage und Anordnung der Häuser (Planfeststellung 1960)
Lage und Anordnung der Häuser (Planfeststellung 1960)

Für 100 Familien sollte hier Wohnraum entstehen. Vier unterschiedliche Musterhäuser waren zunächst erstellt: „Innerhalb des Grundstücks werden die Häuser immer in gleicher Weise nach Sonne, Wing, Zugang und Garten orientiert […] und kosten in Serienherstellung 2800 Mark. Durch die Mitarbeit des Siedlers lassen sich die reinen Baukosten auf 2050 Mark herunterdrücken, so daß bei dem zur Verfügung gestellten Höchsbetrag [Darlehen] von 2500 Mark bei jedem Haus für Wege, Stallausbau und Hühnerlovi, Garten, lebendes und totes Inventar noch 450 Mark zur Verfügung bleiben. Wenn der Siedler über das normale Maß Arbeit zu leisten vermag, dann wird auch […] der Ausbau eines dritten Schlafraums möglich“, heißt es in der Zeitung Volksfreund vom 23. April 1932. Bauausführung dieser Einfamilienhäuser: Holzfachwerk, Stulpschalung, Lehmwickel, Innenschalung und Ziegeldach.

Baubescheid vom April 1932
Baubescheid vom April 1932

Die Musterhäuser konnten im April 1932 an zwei Sonntagen besichtigt werden. Erwartungsgemäß gab es mehr als 100 Bewerberfamilien, so dass schließlich ausgelost werden musste, wer von dem Konzept profitieren würde. Am 23. Mai 1932 erfolgte der erste Spatenstich, und schon Ende August desselben Jahres waren die Häuser fertiggestellt: „Daß diese Siedlung in so kurzer Zeit fertig gestellt wurde, ist der beste Beweis dafür, mit welcher Lust und Freude, mit welchem Eifer die hundert Siedler hier gearbeitet haben, um möglichst rasch ein eigenes Heim zu bekommen […] Die Häuschen machen einen sehr guten Eindruck. Es sind zwar einfache, aber gesunde Wonhstätten mit einer schönen Wohnküche, zwei Schlafräumen, einem Lagerraum, einem Kleintierstall und sonstigem Zubehör“, schreibt am 27. August 1932 die Zeitung Badische Presse.

Doch die Bauphase war alles andere als einfach gewesen: „Als wir 100 Siedler Ende Mai [1932] mit der Arbeit anfingen, uns unser Haus selbst zu bauen, haben wohl die meisten unter uns sich die Arbeit leichter vorgestellt, als sie in Wirklichkeit war. Da nur wenige Siedlerkameraden Leute vom Fach waren, mußte sich jeder auf die ungewohnte Arbeit umstellen. […] Durch die niedrigen Unterstützungssätze standen Arbeit und Beköstigung in einem krassen Gegensatz zueinander, nur der Gedanke an das Ende der Arbeit ließ uns körperlich aushalten. Und ausgehalten haben wir alle. Alte und Junge. Wir haben die schlanke Linie ohne Massage und Sport bekommen und manche runde Körperfülle, die hie und da noch aus besseren Zeiten vorhanden war, ging flöten“, erinnerte sich ein ehemaliger, inzwischen verstorbener Siedler Mitte der 1980er Jahre in einer Chronik.

Richtfest im August 1932 (Foto: Chronik Falkenberg)
Richtfest im August 1932 (Foto: Chronik Falkenberg)

Der eigentliche Grundgedanke der damaligen Stadtrandsiedlungen war, den Siedlern eine Lebensgrundlage zu geben. Dass dies in früheren Siedlungsprojekten – nicht nur in Karlsruhe – angesichts der Arbeitsnot und der hohen Kinderzahl je Familie gescheitert war, hielt die Stadt Karlsruhe damals jedoch nicht davon ab. Eine ehemalige Siedlerin schrieb 1972 zum 40. Jubiläum der Hardecksiedlung: „Dem Grundgedanken […] wäre mit dem Haus allein nicht gedient. Wir haben daher einen großen Garten erhalten, zu dem aber noch Land in unmittelbarer Nähe zugepachtet werden kann. Außerdem das nötige Kleinvieh. Es ist für den Haushalt bereits eine Entlastung, wenn durch die eigene Ziege die Ausgaben für Milch eingespart werden und der Betrag für andere lebensnotwendige Dinge verwertet werden kann. Der durch die Viehhaltung anfallend Dung wird im Garten verwertet“. Siedlerin K. Weber erzählte, dass jede Familie einen Apfelbau, einen Birnbaum und einen Kirschbaum erhielten. Viele dieser Bäume sind heute noch auf den Grundstücken – auch nach der Neubebauung – erhalten. Auch in unserem Garten wachsen ein paar Obstbäume aus den alten Zeiten. Der sehr große Garten wurde für Obst- und Gemüseanbau genutzt, die Erzeugnisse eingemacht und über den Winter sparsam verzehrt. Hühner legten Eier, aus eigenen Trauben wurde etwas Wein hergestellt, die Ziege gab Milch, Gänse und Hasen wurden zu besonderen Anlässen geschlachtet oder aber verkauft.

Die Hardecksiedlung erhielt im Volksmund den Namen „Holzsiedlung“, zum einen weil die 100 Siedlungshäuser aus Holz gebaut wurden, zum anderen weil die Namen der Zufahrtswege (der heutigen Straßen) Baumnamen trugen: Eichenweg, Tannenweg (der 1976 wegen der Eingemeindung des Stadteils Neureut zum Espenweg wurde), Forlenweg (der 1976 aus den gleichen Gründen zum Rüsterweg wurde), Ahornweg usw.

Nur noch wenige Häuser aus der Gründungszeit 1932 sind noch vorhanden.
Nur noch wenige Häuser aus der Gründungszeit 1932 sind noch vorhanden.

Von den alten Holzhäuschen sind in der Hardecksiedlung heute nicht mehr viele da, allerdings sind die meisten Bewohner des Viertels immer noch die Enkel der damaligen Siedler; sie renovierten die alten Behausungen entweder komplett und statteten sie mit einer Zentralheizung aus oder sie rissen sie ab und bebauten das Grundstück neu. Der Charakter der Einzelhäuser ist jedoch auch bei Neubauten erhalten, da keine Reihenhäuser zugelassen werden und ausschließlich eineinhalbstöckige Häuser gebaut werden dürfen. Wenige Kinder oder Enkel der Siedler haben verkauft – verständlich, wenn man bedenkt, dass es in Karlsruhe und auch in anderen Städten kaum fast 1.000 qm große Grundstücke in einem so ruhigen, verkehrsgünstig gelegenen und absolut stadtzentrumnahen Viertel gibt. Die Teilung der Grundstücke ist übrigens nur dann erlaubt, wenn das einzelne Teilstück mindestens 600 qm hat, was bei einer Gesamtfläche von knapp 1.000 qm nicht erreicht wird. Und der vorhandene Baumbestand sowie die Grundstücksgröße macht aus jedem Anwesen eine Oase.

Altes Häuschen im Rüsterweg aus der Gründerzeit der Siedlung 1932
Altes Häuschen im Rüsterweg aus der Gründerzeit der Siedlung 1932

1989 bauten wir („Zugezogene“) auf einem Grundstück im Eichenweg, auf dem das alte Häuschen schon längst nicht mehr vorhanden war. Anfangs wurde ich, die lange in der Karlsruher City gewohnt hatte, morgens wach, weil es so still war. 2010 erwarben wir im Rüsterweg ein zweites Grundstück, auf dem allerdings eines der alten Siedlerhäuser (mit Anbau aus 1961) stand.

Beim Abriss des alten Häuschens von 1932 wurde die Bauweise erkennbar.
Beim Abriss des alten Häuschens von 1932 wurde die Bauweise erkennbar.

Auf meinen Gassistreifzügen durch die Straßen der Hardecksiedlung begegne ich immer wieder den Nachfolgern der damaligen Siedler, und gerne höre ich mir die von ihren Großeltern oder Eltern überlieferten Geschichten aus alten Zeiten an. Man kennt sich, man hilft einander, man schaut nach den älteren Leutchen, die nicht mehr mobil sind, aber man lässt den anderen auch leben, wie er mag. Auch heute wird noch viel Gemüse in den Gärten der Siedlung angebaut: So bekommen wir hin und wieder Kopfsalat, Tomaten, Salatgurken, grüne Bohnen, Kirschen u.v.m. geschenkt. Die eine oder andere liebe Nachbarin versorgt uns mit selbstgemachten Maultaschen, Rhabarberkuchen und Erdbeerbiskuitrolle. Und dann wird es noch ein paar Tomatenstöcke geben – der Rest ist mit Blumen und Bäumen bepflanzt.

Die „Hardeck“ ist uns, meinem Mann und mir, sehr ans Herz gewachsen – einen besseren Wohnort können wir uns gar nicht vorstellen: ein kleines freundliches Paradies im Grünen, keine 10 Fußminuten vom Wald auf der einen Seite und keine 10 Fahrrad- oder StraBa-Minuten von der City auf der anderen Seite entfernt.

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Strahlende Augen http://www.ruesterweg.de/2016/05/strahlende-augen/ http://www.ruesterweg.de/2016/05/strahlende-augen/#comments Mon, 02 May 2016 07:30:16 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2422 „Strahlende Augen“ weiterlesen]]>
(v.l.): Roland Lenz, Gabriele Schirrmeister, Leiterin des Seniorenzentrums Stephanienstift der AWO Karlsruhe gemeinnützigen GmbH, Edeltraud Gog, Dieter Kursa, Elfriede Christ und Giselle Chaumien

Was haben Senioren in einem Wohn- und Pflegestift, Dutzende Wollknäuel und strahlende Augen gemeinsam? Kniedecken, die gestrickt oder gehäkelt wurden, um diesen Senioren eine Freude zu bereiten.

Wer gerne strickt oder häkelt, freut sich auf die Zeiten, in denen er sich nach getaner Arbeit gemütlich hinsetzen und mit seinem Hobby loslegen kann. Ich stricke und häkle für mein Leben gerne. Allerdings vertrage ich keine Pullover mehr, meine Verwandten und Freunde haben auch keinen Bedarf mehr, also bin ich immer auf der Suche nach … „Opfern“, die ich bestricken oder behäkeln kann. Wobei, das muss ich einräumen, die Muster und Modelle nicht allzu kompliziert sein dürfen.

Über meine Frühchen-Aktion habe ich  bereits mehrfach berichtet – die läuft natürlich weiter. Aber hin und wieder möchte ich auch etwas anderes herstellen als immer nur Babyschühchen, Mützchen und Handschuhe in Miniaturformat. Ich überlegte mir deshalb, etwas für Senioren zu tun. Kniedecken, dachte ich, das wäre doch was!

Schnell wurde die Suchmaschine bemüht, als ersten Treffer las ich: Stephanienstift. Ich rief an, erklärte der Heimleiterin, Frau Schirrmeister, mein Anliegen, und sie war sofort begeistert. Nach Rücksprache mit ihrem Team hieß es. „Wir nehmen Ihr Angebot gerne an“.

So legten wir, ein paar liebe Handarbeitsfreundinnen und ich, gleich los: Silvia Bauer, Margit Beck, Mareike Börner, Doris Kaufmann-Bläuer (in der Schweiz), Heather McCrae, Helga Reichardt und Inge Wieland nadelten fleißig und schickten mir wunderschöne farbenfrohe Decken in allerlei Mustern. Ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen! Gemeinsam schafften wir es, innerhalb von etwa 3 Monaten, 31 Kniedecken fertigzustellen.

Die Übergabe fand am 28. April 2016 statt. In einem hübsch dekorierten Aufenthaltsraum des Stephanienstifts in Karlsruhe – in der Mitte ein Tisch, auf dem bunte Wollknäuel, filigrane Häkeldeckchen, kuschelige Kissen und vieles mehr echte Hingucker waren – fand sich eine größere Gruppe Bewohner des Seniorenheims ein. Frau Schirrmeister und ihr Team hatten den Nachmittag liebevoll gestaltet: Es wurden Lieder und Gedichte mit von den Mitarbeiterinnen eigens zum Thema Wolle verfassten Texten gesungen bzw. vorgetragen. Dann fand eine kleine Modenschau mit handgefertigten Strickerzeugnissen statt. Da kamen bei den Bewohnerinnen des Stephanienstifts viele Erinnerungen auf: „Früher habe ich auch gestrickt und gehäkelt, aber jetzt geht das nicht mehr“, bedauerte eine Seniorin, die beim Anblick einer lilafarbenen Decke meinte „Lila schützt vor Schwangerschaft“ und damit allgemeine Heiterkeit auslöste. Jeder Heimbewohner durfte sich die Kniedecke aussuchen, die ihm am besten gefiel – angesichts der Vielfalt an Farben, Mustern und Garnen war für jeden etwas dabei. Strahlende Augen bewiesen, dass die Beschenkten sich freuten und die Decken gut ankommen.

Von der AWO war eine Pressesprecherin, Frau Noheh-Khan, dabei, die darüber berichten wird. Mein Anliegen ist, dass möglichst viele Strickerinnen und Häklerinnen quer durch die Republik ähnliche Aktionen ins Leben rufen. Aufgrund der Rechte am eigenen Foto durfte ich selbst keine Bilder machen, das hier veröffentlichte Foto der Senioren wurde mir von der AWO-Pressestelle zur Verfügung gestellt. Danke dafür.

Erster Pressebericht auf regio-news hier

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Ventil für Unruhe bei Demenzkranken: Twiddle Muffs http://www.ruesterweg.de/2016/04/ventil-fuer-unruhe-bei-demenz-twiddle-muffs/ http://www.ruesterweg.de/2016/04/ventil-fuer-unruhe-bei-demenz-twiddle-muffs/#comments Wed, 20 Apr 2016 14:33:52 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2404 „Ventil für Unruhe bei Demenzkranken: Twiddle Muffs“ weiterlesen]]> twiddle muffUnruhe und rastloses Umherwandern sind für Demenz-Kranke typisch. Auch die Hände sind ständig in Bewegung. Eine Möglichkeit, diese Unruhe zu kanalisieren, stellen sog. Twiddle Muffs oder Sensorik-Teile dar.

English version by Heather McCrae here. Thank you, Heather.

An Demenz bzw. Alzheimer erkrankte Menschen sind unruhig, ihre Hände ständig in Bewegung. Die Patienten kneten ihre Hände, knöpfen ihre Jacke immer wieder auf und zu, spielen mit einem Taschentuch oder einem Zipfel ihres Ärmels, lesen Fäden auf, streichen die Tischdecke glatt … und – schlimmer – zupfen an ihrer Haut mit der Gefahr, sich weh zu tun.

Eine interessante Möglichkeit, die unruhigen Hände der Patienten zu beschäftigen, sind sog. Twiddle Muffs, auf die mich meine liebe Kollegin Heather McCrae, Übersetzerin in der Sprachkombination Deutsch-Englisch, vor wenigen Wochen aufmerksam gemacht hat.

Der Begriff „twiddle“ kommt aus dem Englischen und bedeutet in diesem Zusammenhang herumzupfen, herumfingern, nesteln – ebenso wie das englische Verb „fiddle“. Ein deutscher Begriff hat sich, soweit ich das feststellen konnte, noch nicht durchgesetzt.

Was sind Twiddle Muffs oder Twiddle Blankets, also „Nestelmuffs / Nesteldecken“?

P1210965klOb Muff, Decke oder Kissen ist im Prinzip unwichtig – Hauptsache das Teil weist viele kleine Dinge auf, die den Patienten dazu veranlassen, sich damit zu befassen, daran herumzuzupfen, ein Täschchen mit Knopf auf- und zuzuknöpfen, unterschiedliche haptische Erfahrungen zu machen, weil ein glattes Muster oder Stück Stoff und ein Reliefmuster (z. B. das gehäkelte Krokodilmuster) sich mit unterschiedlichen Garnen – Wolle, Baumwolle, Noppenwolle, Mohair, Bändchengarn, Fransengarn u.v.m. – abwechseln.

Neues zu lernen, ist für Demenzkranke kaum noch möglich, Bekanntes kann jedoch geübt und erhalten werden. Mit den Sensorik-Teilen sind den unruhigen Händen Alternativen gegeben, vertraute Handlungen werden ermöglicht, die rastlosen Finger sind beschäftigt, die Muskulatur wird ein wenig trainiert (beispielsweise mit angebrachten Gummiteilen und Reißverschlüssen, an denen gezogen werden kann), die Sinne werden aktiviert, indem zum Beispiel ein kleines Glöckchen, das vom Oster-Schokohasen übrig ist, oder ein Tüllsäckchen mit Lavendelblüten oder einem Rosmarinzweig mit eingearbeitet werden. Und zudem werden die oft kalten Hände gewärmt.

Da diese wunderbare Idee aus den USA und Großbritannien kommt, gibt es zahlreiche englischsprachige Anleitungen und Videos auf YouTube. Ich habe eine deutschsprachige Anleitung verfasst für alle diejenigen, die ein solches „Twiddle-Ding“ herstellen wollen: Twiddle-Muff / Hapti-Muff / Sensorik-Muff stricken oder häkeln.

In meinen Kontakten zu Pflegeheimen in Karlsruhe, Mannheim, Schwetzingen und Heidelberg konnte ich erfahren, dass solche Sensorik-Teile bei Patienten sehr beliebt sind und vom Pflegepersonal sehr gerne eingesetzt werden, die Preise für recht bescheidene Ausführungen jedoch zu hoch seien, da jeder Patient sein eigenes „Twiddle-Ding“ besitzen sollte. Weltweit stellen Frauen sozusagen ehrenamtlich solche Teile her und übergeben sie an Pflegeheime – warum nicht auch in Deutschland? Wer gerne Handarbeiten macht, kann es probieren – es ist einfach, macht Spaß, fördert die eigene Kreativität und es ist für einen guten Zweck. Aber Vorsicht: Man wird danach süchtig und kommt auf immer neue Ideen.

Ein kleines Tüllsäcken gibt dem Patienten die Möglichkeit, das Foto eines lieben Menschen immer dabei zu haben. Ein Stück Klettverschluss aktiviert auch das Gehör. Für männliche Patienten können beispielsweise zusätzlich alte Schlüssel und Schlüsselringe, Muttern und Unterlegscheiben eingearbeitet werden.

Selbstverständlich können Twiddle-Teile auch genäht werden, zum Beispiel aus Fleece-Decken, die überall günstig zu kaufen sind. Aus einer solchen Decken können etwa 8 bis 10 Muffs hergestellt werden (Stoff liegt doppelt). Darauf dann Reststücke unterschiedlicher Stoffarten aufnähen, mit Knöpfen und anderen Nestelgegenständen bestücken – fertig! Wer einen Kürschner in der Nähe hat, bekommt dort sicher kostenlos Fellreste, die dem Patienten beim Darüberstreicheln ein wohliges Gefühl vermitteln. Auch kleinere Schneidereien geben bereitwillig ihre Stoffreste ab.

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Wer mehr über die Alzheimer-Krankheit und über Demenz erfahren will und auch an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu diesem Thema interessiert ist, liest diese Ausführungen hier.

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Wenn eine Tram in die Luft geht http://www.ruesterweg.de/2016/04/wenn-eine-tram-in-die-luft-geht/ http://www.ruesterweg.de/2016/04/wenn-eine-tram-in-die-luft-geht/#comments Thu, 07 Apr 2016 15:24:51 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2396 „Wenn eine Tram in die Luft geht“ weiterlesen]]> P1210300Am 8. Januar war ganz schön viel los im Rüsterweg. Nein, nicht hier im Blog, sondern bei uns in der Straße. Eben im Rüsterweg. Grüppschen von Menschen, die in die Luft schauten und gespannt waren, wie es weitergeht. Was? Na das mit der Tram, die in in die Luft ging …

Schon im letzten Jahr warfen große Dinge ihre Schatten voraus: Auf einem Grundstück Ecke Rüsterweg / Pulverhausstraße in Karlsruhe wurde ein Gleisbett für eine Straßenbahn hergerichtet. Ja, im Garten eines Anwesens. Etappenweise, sorgfältig vorbereitet, akribisch und fachgerecht. Ende Dezember hieß es dann, bald käme sie, die Tram aus Leipzig. Und am 8. Januar war es soweit.

P1210277Die stark befahrene Pulverhausstraße wurde einspurig abgesperrt, ein schwerer Kranwagen von Scholpp, der so aussah wie die Bungee-Vorrichtungen, platzierte sich auf dem Seitenstreifen und Gehweg, ein LKW kam angefahren. Seine Ladung: ein Straßenbahnwaggon.

P1210307Schnell sprach es sich in unserem Viertel, der traditionsreichen Hardecksiedlung, herum, und es kamen immer mehr Menschen, die sich das Ereignis nicht entgehen lassen wollten. Grundstücksmitbesitzer Werner Leiser-Neef, Sachverständiger für Kfz-Wesen und Havariekommissar, war hoffnungsvoll gespannt, ob alles gut gehen würde. Alles war bestens vorbereitet, Profis der Firma Scholpp waren am Werk – was sollte da schiefgehen?

P1210316Der Tramwagen stammt aus einem alten Leipziger Bestand und sollte ursprünglich in Halle aufgestellt werden. Jetzt steht sie bei uns im badischen Ländle, im Rüsterweg.

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Out and about as an ambassador for the translation industry http://www.ruesterweg.de/2016/03/out-and-about-as-an-ambassador-for-the-translation-industry/ http://www.ruesterweg.de/2016/03/out-and-about-as-an-ambassador-for-the-translation-industry/#comments Mon, 21 Mar 2016 22:24:11 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2391 „Out and about as an ambassador for the translation industry“ weiterlesen]]> It’s already quite an honour when a large company invites its regular translator to its annual reception for suppliers. But if that translator is given the chance to hold a presentation about the “quality of the translation service” in front of around 120 invited guests, that is a great opportunity.

(English version of „Unterwegs als Botschafterin für die Translation Industry“ by Arlette Errington – thank you, dear Arlette)

One of my regular customers that I have been working with for more than 25 years holds a reception for its most important suppliers every year in March. Among the suppliers are prestigious companies like Degussa, BASF, Lanxess, Wacker-Chemie, Telekom, ThyssenKrupp, Still, Fuchs, Brother, Samsung, Wabco, Bosch, Siemens and many more. Companies were represented by their Heads of Sales, as well as by Product Managers, Quality Managers, etc. (at a national level for Germany, or internationally for Germany, Austria and Switzerland). From the 120 or so guests were almost as many women as men – also an interesting observation.

The theme of the event this year: Quality first. The event started at 2 p.m. with a welcome and introduction to the topic by the CEO, followed by an extremely interesting presentation about quality and sustainability. Afterwards, it was my turn and the CEO introduced me with some appreciative words.

As I was walking towards the lectern, I realised that a number of gentlemen were leaning back in their chairs and their countenance betrayed the fact that they weren’t exactly excited about “this” topic. You just wait, I thought. I’ll get you on board.

The main points I elaborated extensively were the following (passages in inverted commas reflect the sense of what I said at the time):

Yes, translating is something one has to learn or even to study. There’s a learning curve to it and it requires practice, even when the text merely concerns general language. Interpreting, too. And, by the way: translators and interpreters do not do “the same job” (I explained this briefly; otherwise I didn’t dwell on interpreting).

Yes, translation professionals are usually specialised, some even highly specialised. They deepen their expertise, continue their studies, are in contact with experts from their field of expertise, etc. A few examples from the areas of contracts, tyre technology, finance and elastomers had an effect: Some of the laid-back gentlemen began to sit up and pricked their ears.

“It’s clear, translations eat into the budget, and that’s an area where money could be saved – couldn’t it, ladies and gentlemen?” (Quite a few nodded). “If a menu abroad offers “extremely pretty rabbit legs” most people find it funny. Cheap translations aren’t just embarrassing glitches like that of the huge Chinese Alibaba Group, whose German-language website was named the ‘biggest language accident in history’ by the German newspaper FAZ in 2014. When translation errors constitute a safety hazard, that really should be the end of monetary prudence. With technical documentation for machines and vehicles, calculations in construction plans and other such texts “economising on translators” is misguided. Imagine if, due to a translation error, damage to an aircraft engine is caused or a car’s airbag doesn’t open when necessary and therefore a costly recall of the whole series has to be carried out …” A murmur went through the rows. By now, everyone had become attentive.

Someone in the second row told his neighbour that not every company has a budget for highly-paid service providers and I reacted immediately: “That’s right. But if I don’t have enough money for a top-notch celebrity coiffeur, I still want a decent haircut and won’t just take the cheapest hairdresser, but I ask around …” And additionally, there are ways of finding good service providers: getting recommendations from partner companies, but also member lists of trade associations like the BDÜ (German Association of Interpreters and Translators) (and, unfortunately, I have to say that only very few knew the BDÜ, which was confirmed later during small talk).

One participant asked whether it really mattered which person translates the text in the end. The main thing is that he or she knows the language concerned. I retorted with a question: “Does it matter what dentist you go to? Or which kindergarten you entrust your child with? Or which garage you take your car to?” The man shook his head, and many women too. I added: “Translations should be done by professionals. The qualification, knowledge, expertise and experience of the translator ensure that you receive an impeccable translation, concerning language and expertise. Clients have to be able to rely on that 100 percent. If you work with the same translator for a longer time, for years even, he knows your texts, your special terminology, the style guide, the style of communication of your company. And if a German text sounds Greek to him, he contacts you or corrects it straight away, because he knows that something must have gone wrong with the original text. Your regular translator delivers exactly the quality you want. Given time, “your” regular translator knows your company culture, he becomes a part of your company structure and thinks like an “internal” employee when working on your texts. He is the missing piece of the puzzle, which contributes towards making your customers happy. That is worth it – it’s priceless. After all, this is about the image of your company and therefore the appreciation you display towards your customers.”

When one of the ladies interjected, saying that agencies ensured that the desired deadline was always kept to, I asked whether her company was always happy with the quality. “Well, sometimes more , sometimes less“, the lady replied, it’s never completely wrong, but … I replied that agencies give the job to the translator who has time to do it there and then, and that’s simply not the same one every time. OK, the terminology list is usually supplied, but every translator has his own style.

I asked if someone who works regularly with an agency could reveal a price per word or line. A lady spoke up and said “24 cents for technical texts for an annual volume of around 80,000 words“, a gentleman said “36 cents for legal texts”. I asked whether they know how much the translator, who actually provides the service, gets. Some replied 60-70 %, one said “half”. We discussed this issue and I emphasised once again the advantages of the direct relationship between translator and end-customer, who I called “text user”, and said: “How about building up your own regular translator, training him, inviting him to see the production process, explaining the work processes to him … and paying him 18 cents at the beginning, and 20 cents later instead of the 24 cents. With an annual volume of 80,000 words, you save 4,800 or 3,200 euros a year. And then you have a direct contact partner completely dedicated to you. Of course, I brought one of my favourite topics into play at this point: the advantages of framework contracts with the translator.

Naturally, there were also reservations whether an individual translator, who you have direct contact with, can even guarantee an annual volume of 80,000 or more words and tie up his time like that; that companies are confronted with lone translators being sick; that it is generally difficult to find the “right” translator, etc. I explained that professional translators like us often work in relatively fixed two- or three-person teams, so that one of the colleagues – who is just as familiar with the matter – can usually fill in if there is a real need – even if we don’t really have time to be ill.

The time I had been given had long been used up, so I closed by drawing two parallels. I stated the first one as a rhetorical question: “Surely there are a few people here who have moved because of their work. How long did it take you to find the right dentist, the right baker, the right garage in the new town? It is always a process before you find the right service provider, but the direct path is always the shortest.” “We are all looking forward to the buffet I can see at the back … The internet is full of cooking and baking recipes. But not everyone is able – even if they are willing – to carry out the instructions in the recipes so that the beef bourguignon or apple pie becomes haute cuisine. Give your translator a chance to be the right partner for you as a direct customer!”

All in all I got the impression that the audience was highly interested. During the small talk afterwards I was all but overrun by questions (I hardly had time to chew my food). What I felt strongest was the fear of getting involved with a “fairly ignorant part-time jobber” (“After all, agencies guarantee that they only work with experts, don’t they?”) or that deadlines cannot be kept to. At the end there was a lot of: “May I contact you, Mrs. Chaumien, if I should have further questions or if I can’t get any further …?” Why, of course. I am convinced that I could get some of them to think about it. And that’s a good thing.

 

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