Rüsterweg http://www.ruesterweg.de Auffallendes quer Beet Fr, 09 Dez 2016 09:26:02 +0000 de-DE hourly 1 Bücher? Bücher! http://www.ruesterweg.de/2016/12/buecher-buecher1/ http://www.ruesterweg.de/2016/12/buecher-buecher1/#respond Fri, 09 Dec 2016 09:26:02 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2555 „Bücher? Bücher!“ weiterlesen]]> Ein Bücherwurm muss sich nicht erklären, er liebt sie einfach, diese bedruckten Seiten, die förmlich danach schreien, gelesen werden. Welche Bücher ich jüngst gelesen und für so gut befunden habe, dass ich sie gerne weiterempfehle, verrate ich Ihnen heute hier und jetzt. Vielleicht suchen Sie ja noch ein Geschenk zum bevorstehenden Fest?

Vor dem Einschlafen, aber schon im Bett lese ich gerne Krimis – seit Weihnachten 2015 auf meinem tolino. Es ist praktisch, aber doch nicht „dasselbe“ wie ein echtes gedrucktes Buch. Besondere Bücher kaufe ich nach wie vor als Printversion. Sie fühlen sich anders an, sie riechen (ein Manko beim tolino), und vor allem kann man sich Notizen am Rand machen.

Ein nettes Buch, das sich als Geschenk für (fast) jedermann eignet, ist Elke Heidenreichs „Alles kein Zufall“, erschienen im Hanser Verlag.  Die in Köln lebende Autorin und Literaturkritikerin hat ihre Erinnerungen hervorgeholt, entrümpelt, sortiert und aus dem, was übrig blieb, teils lustige, teils zum Nachdenken anregende oder wehmutig stimmende Geschichten geschrieben. Sie lesen sich gut, sind aus dem echten Leben gegriffen und erinnerten mich an so manches, was ich selbst erlebt habe oder selbst mache: „Alles, was mir gefällt, auffällt, einfällt, wichtig erscheint, schreibe ich immer rasch auf irgendeinen Zettel, damit ich es nicht vergesse. Ich vergesse es natürlich doch, aber noch nach Jahren finde ich in Büchern, Schubladen, Jacken- oder Manteltaschen Zettel …“, schreibt die Autorin. Kommt Ihnen das auch bekannt vor? Ein charmantes Buch, das ich sicher einige Male verschenken werde.

Ich oute mich: Ich bin ein großer Fan von Andreas Englisch. Sie kennen ihn nicht? Andreas Englisch, der Vatikan-Berichterstatter, der den Kleinstaat im Zentrum von Rom und die katholische Kirche wie (kaum) ein anderer kennt und schneller spricht, als Lucky Luke seine Waffe ziehen kann. Live-Interviews mit Andreas Englisch sind ein Erlebnis, ebenfalls seine Lesungen. Seine Website ist eine Stippvisite wert, seine Papstbücher sind auch für Nichtkirchengänger hochinteressant, gespickt mit spannenden Fakten und witzigen Anekdoten. In seinem 2013 im Bertelsmann Verlag erschienen Buch „Franziskus – Zeichen der Hoffnung“ (Bertelsmann) deckt Andreas Englisch die wirklichen Hintergründe des Rücktritts von Papst Benedikt XVI. auf und beschreibt, was hinter den Kulissen des Vatikans geschehen ist. Äußerst spannend! Wenn mir jemand vor Jahren gesagt hätte, dass ich einmal Bücher über Päpste lesen würde, hätte ich laut gelacht. Aber Englischs Bücher über die letzten Päpste sind so lebendig und interessant geschrieben, dass ich sie kaum aus der Hand legen konnte. Das gilt insbesondere für „Der Kämpfer im Vatikan: Papst Franziskus und sein mutiger Weg“, ebenfalls im Bertelsmann Verlag erschienen.

Nicht neu, aber als Taschenbuch ein nettes Mitbringsel für den kleinen Geldbeutel: „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda (Fischer Taschenbücher). Die deutsche Übersetzung von Ina Kronenberger ist gelungen und führt in die witzig-spritzige Welt dieser Wohngemeinschaft der etwas anderen Art am Fuß des Pariser Eiffelturms. Und während der 550 Seiten wird dem Leser nie langweilig, am Ende angelangt, bedauert er, dass es nicht weiter geht. Ein Roman, der auf seine Art unter die Haut geht und nachdenklich stimmt – gerade jetzt und heute, wo das liebevolle „Miteinander-Umgehen“ offensichtlich stärker in Vergessenheit gerät. Für alle, die sich oder einem lieben Menschen eine wunderbare Freude machen wollen, sofern Sie das Buch nicht schon längst kennen …

Ebenfalls nicht neu, aber absolut lesenswert: „Meines Vaters Land – Geschichte einer deutschen Familie“ von Wibke Bruhns, erschienen im Econ Verlag (2004), inzwischen auch als Taschenbuch und eBook erhältlich. Am 26. August 1944 wird der Abwehroffizier Hans Georg Klamroth wegen Hochverrats hingerichtet. Jahrzehnte später sieht seine jüngste Tochter in einer Fernsehdokumentation über den 20. Juli Bilder ihres Vaters – aufgenommen während des Prozesses im Volksgerichtshof. Dieser Anblick lässt Wibke Bruhns, die ehemalige Fernsehansagerin, nicht mehr los. Fortan befasst sie sich mit zahlreichen Fragen: Wer war dieser Mann, den sie kaum kannte, der fremde Vater, der ihr plötzlich so nah ist? Die lange Suche nach seiner, ja auch ihrer eigenen Geschichte führt sie zurück in die Vergangenheit: Die Klamroths sind eine angesehene großbürgerliche Kaufmannsfamilie. Wibke Bruhns erzählt die Geschichte ihrer Familie, ihres Vaters und zeichnet so ein einzigartiges Familienepos.

Natürlich darf ein Buch für Linguisten in der Liste nicht fehlen: In „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab“, erschienen im Heyne Verlag, haben Ralf Heimann und Jörg Homering-Elsner echte Perlen des Lokaljournalismus zusammen getragen. Ich durfte mir mit einem Vorabexemplar einen wunderbaren Abend machen und habe herzhaft gelacht. Für 9,99 Euro ein nettes Geschenk, das Sie beim Beschenkten unvergesslich machen wird.

Und schließlich ein entzückendes Buch von Tomi Ungerer: „Warum bin ich nicht du?“, aus dem Französischen von Alexandra Beilharz, Grit Fröhlich und Margaux de Weck übersetzt, erschienen im Diogenes Verlag. Tomi Ungerer hat philosophische Fragen von Kindern gesammelt und beantwortet – ernsthaft, witzig und nachdenklich stimmend zugleich: Warum gibt es Geld? Könnte es sein, dass ich mein Leben nur träume? Gibt es das Nichts? Warum haben wir Lieblingsfarben? Ungerers Antworten auf diese und weitere Fragen werden nicht nur Eltern mit ihren Kindern begeistern, sondern auch kinderlose Erwachsene zum Staunen bringen. Auch die Illustrationen sind selbstverständlich vom elsässischen Künstler, der inzwischen überwiegend in Irland lebt.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen … und Verschenken dieser Bücher!

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Übersetzer: ein Beruf mit Zukunft? (2) http://www.ruesterweg.de/2016/11/uebersetzer-ein-beruf-mit-zukunft-2/ http://www.ruesterweg.de/2016/11/uebersetzer-ein-beruf-mit-zukunft-2/#comments Tue, 29 Nov 2016 13:34:32 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2543 „Übersetzer: ein Beruf mit Zukunft? (2)“ weiterlesen]]> Manche Berufe sterben aus oder werden nur noch von wertvollen Exoten ausgeübt, andere dürfen sich einer vielversprechenden Zukunft erfreuen. Wie sieht es mit dem Beruf des Übersetzers aus? Was wird sich für den Übersetzer in den kommenden Jahren verändern?

Den Beruf des Übersetzers gibt es bekanntermaßen nicht erst seit fünfzig Jahren. Keine Bange, ich habe nicht vor, die Geschichte unseres Berufs bis zu seiner Entstehung zurückzuverfolgen. Allerdings war mir wichtig, in Teil 1 des Blogbeitrags zu skizzieren, wie wir Übersetzer(*), die wir vor 35-40 Jahren in den Beruf eingestiegen sind, zu Beginn unserer beruflichen Laufbahn arbeiteten. Die Arbeitsbedingungen und natürlich auch die Zeit, in der sich das abspielte, haben uns geprägt – so wie auch die jungen Kollegen von den aktuellen Gegebenheiten beeinflusst werden. Eigentlich eine Binsenweisheit. Und gleich zu Beginn des zweiten Teils meines Blogbeitrags die gute Nachricht: Der Beruf des Übersetzers wird nicht aussterben. Zumindest nicht in den nächsten 50 bis 100 Jahren. Und was danach kommt, weiß ohnehin niemand. Aber da die Welt nicht still steht, wird es auch für uns alle, die wir diesen Beruf ausüben, einiges geben, das zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Steigender Übersetzungsbedarf

Allein am Beispiel der EU wird deutlich, wie der Übersetzungsbedarf fast beängstigend ansteigt. Während sich zum Beispiel Mitte der 1980er Jahre durch die damalige Zahl der EU-Mitgliedstaaten schon 72 Übersetzungsrichtungen ergaben, sind es heute viel mehr. Die wachsende Globalisierung der Märkte und die ausgetauschten Informationsmengen tun ein Übriges, die Gesamtmenge an zu übersetzenden Texten ist enorm. Laut DIHT benötigen etwa 85 Prozent der in Deutschland tätigen Unternehmen Übersetzungen – entweder weil sie exportieren oder importieren oder beides. Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) beziffert das Marktvolumen des deutschen Übersetzungsmarktes auf 1 Milliarde Euro im Jahr und beruft sich auf Studien, laut derer von einem jährlichen Wachstum von 10-15 Prozent auszugehen sei, dies nicht nur in Deutschland, sondern weltweit (Quelle: UEPO). Das internationale Beratungsunternehmen Common Sense Advisory, das jedes Jahr die Branche analysiert, schätzt den internationalen Übersetzungsmarkt 2016 auf 40 Milliarden US-Dollar.

Betrachtet man im ersten Schritt nur diese Zahlen, wird klar: Der Übersetzer blickt gewiss auf rosige Zeiten. Parallel zum explodierenden Übersetzungsbedarf wird nach meiner Einschätzung die Konzentration der Übersetzungsagenturen weiter voranschreiten. Ein ganz dickes Stück des großen weltweiten Kuchens teilen sich allerdings nur wenige (vor allem US-amerikanische) Sprachunternehmen, was nach meinem Empfinden allerdings keine gute Entwicklung im Sinne der einzelkämpfenden Übersetzer ist.

Digitalisierung und Technisierung ahoi!

Abgesehen von den Fällen, in denen dem Übersetzer zum Beispiel nicht digitalisierte Zeugnisse, Urkunden, Ausweise u. Ä. vorgelegt werden, arbeitet der Übersetzer heute selbstverständlich konsequent und umfassend mit Ausgangs- und Zieltexten in elektronischer Form. Sehr viele Kollegen arbeiten zudem mit sog. CAT-Tools (englisch: computer-aided translation oder computer-assisted translation) wie Trados Studio 2015, memoQ 2015 pro, Wordfast Pro, Across usw., die unter anderem das Übersetzen vereinfachen, die Textkongruenz verbessern und die Kosten auf Kundenseite (vor allem bei Agenturen) verringern (sollen). Der überwiegende Teil der weltweit anfallenden Übersetzungen wird über solche Sprachdienstleister, also Agenturen, abgewickelt. Nicht zuletzt deshalb wird meiner Meinung nach die Nutzung von CAT-Tools und anderen Werkzeugen drastisch zunehmen. Schon heute ist es nur in relativ seltenen Ausnahmefällen möglich, für Agenturen tätig zu sein, wenn man keine CAT-Tools verwendet. Allerdings – dies sei am Rande bemerkt – eignen sich nicht alle zu übersetzenden Texte für die Verwendung dieser Werkzeuge. Deshalb: Ja, es gibt sie, die Übersetzer, die überhaupt keine CAT-Tools nutzen und dennoch so hoch im Kurs stehen, dass Akquise für sie kein Thema ist.

Damit einher gehend wird die Bedeutung von Terminologiemanagement – im Idealfall schon im Ausgangstext – stark zunehmen, denn die Vereinheitlichung von (Fach-)Begriffen und Bezeichnungen vor allem in der technischen und wissenschaftlichen Kommunikation erleichtert nicht nur das Verstehen der Texte. Der konsequent kongruente Gebrauch von Fachtermini ist ein entscheidendes Kriterium für die Brauchbarkeit, die Qualität und weitere Verarbeitbarkeit (also auch die Übersetzung) von Fachtexten. Denn: Was in einem Abschnitt ein Kuh ist, kann im nächsten Abschnitt nicht als Ochse bezeichnet werden.

Auch die Nutzung der Spracherkennungssoftware Dragon NaturallySpeaking wird in den kommenden Jahren stark zunehmen. Dass damit einerseits substantielle Produktivitätssteigerungen erzielt und somit Zeit für andere Dinge (weitere Aufträge oder aber Freizeit) gewonnen und andererseits die Gesundheit (Handgelenke, Sehnenscheiden …) geschont werden können, ist leider noch nicht bei allen Übersetzern angekommen. Erst kürzlich gab es auf der Plattform ProZ eine nicht repräsentative Blitzumfrage, bei der auf die Frage „Do you use speech recognition software when you translate?“ über 52 % mit „No, and I don’t want to“ antwortete. Für meine Kollegen und mich, die wir den Drachen schon länger nutzen, überhaupt nicht nachvollziehbar (insbesondere der Zusatz „I don’t want to“). Auch in diesem Zusammenhang sei erstens erwähnt, dass sich nicht alle zu übersetzenden Texte für die Verwendung des Drachen eignen (jedoch weit mehr, als es viele Kollegen vermuten), und zweitens ergänzt, dass es diese Software nicht für alle Sprachen gibt. Angesichts der höheren Nachfrage und engeren Deadlines werden Übersetzer, die in den „Dragon-Sprachen“ tätig sind, vielfach nicht drum herum kommen, sich auch mit diesem sehr komfortablen und leistungsfähigen Werkzeug zu befassen. Übrigens bietet der BDÜ auch Seminare zu diesem Thema (z. B. Dragon NaturallySpeaking: Mehr Produktivität beim Übersetzen, 03.02.2017, Frankfurt/Main).

Steigende Zahl der Absolventen: alles Unternehmertypen?

Jedes Jahr, jedes Semester kommen allein in Europa große Zahlen von Absolventen unterschiedlicher Lehrgänge und Studiengänge auf den Markt. Diese Personen haben mehrheitlich vor, sich in der translation industry selbstständig zu machen: weil es ihr Traum ist, weil sie es schick finden (Aussage einer jungen Coaching-Klientin), weil sie ihr eigener Chef sein wollen … oder auch weil sie keine Festanstellung als Übersetzer bekommen und die Selbstständigkeit als Ersatzlösung ansehen (und hin und wieder werden sie von der Agentur für Arbeit darauf hingewiesen). Hinzu kommen etliche Quereinsteiger aus diversen Berufszweigen. Kein Problem, Arbeit ist genug für alle da. Und: Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber so einfach ist das nicht.

Ein auffallendes Merkmal des Übersetzungsmarkts ist die außerordentlich große Bandbreite in Bezug auf die Qualität der erbrachten Leistung, einhergehend mit der fachlichen und unternehmerischen Eignung der freiberuflichen Dienstleister – ich meine hier die „Einzelkämpfer“. Doch gerade da liegt der Hase im Pfeffer. Selbst der willigste und motivierteste Mensch wird erfolglos bleiben, wenn er nicht die erforderlichen Voraussetzungen als Unternehmer mitbringt. Wen wundert es also, dass viele freiberuflich tätige Übersetzer scheitern oder aber sich ihr Berufsleben lang „abstrampeln“, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Die wichtigsten Gründe des Scheiterns können hier nachgelesen werden.

In Zukunft wird sich – übrigens nicht nur in unserem Berufszweig – noch stärker ein Aspekt als Erfolgskriterium erweisen: Nur diejenigen, die im Herzen, in der Einstellung und im Verhalten, also durch und durch waschechte Unternehmertypen sind, werden in der Übersetzungsbranche erfolgreich sein. Wer noch am Anfang steht oder die Entscheidung noch gar nicht getroffen hat, für den steht übrigens im Wissenswinkel der Test „Sind Sie der Unternehmertyp?“ bereit, den ich auf der Grundlage eines IHK-Eignungstests speziell für Übersetzer ausgearbeitet habe.

Zum Unternehmertum kommen in Zukunft eine Reihe von Trümpfen hinzu, die maßgebend für die Entwicklung des Übersetzers am Markt und für sein erfolgreiches Bestehen sein werden.

Reaktionsschnelligkeit

Schon heute gilt es, schnell zu reagieren. Digital Natives haben damit theoretisch überhaupt kein Problem. Die Krux ist nicht das Können, sondern das Wollen im Sinne von „den inneren Schweinehund überwinden“. In der in Teil 1 meines Beitrags erwähnten Studie zur Generation Y werden noch weitere Aspekte behandelt, wie beispielsweise „die innere Haltung, die Einstellung zur ‚Arbeit‘, das Interesse am eigenen Vorankommen, auch Ehrgeiz genannt – ein Wort, das in Deutschland eher negativ besetzt ist …“. Das könnte für manche zum Problem werden, denn der Kuchen – insbesondere auf dem sog. bulk market – muss ofenfrisch gegessen werden: Wer nicht schnell genug zugreift, für den bleibt am Ende kein Stück übrig. Deshalb heißt der erste Trumpf: Reaktionsschnelligkeit. Sportwissenschaftlerin und Gesundheitspsychologin Dr. Steffi Burkhardt, die sich intensiv mit dem Thema der Generation Y und dem Wandel in der Arbeitswelt befasst, erwähnt in einem Gespräch auf SWR, dass die Digital Natives zwar die Tools quasi rund um die Uhr nutzen, aber wenig Verständnis davon haben, wie sie sie zielführender einsetzen können, um auf ihrem Weg zu punkten. Auch dürfen die Jüngeren nicht jedem Rat und jeder Empfehlung folgen, so Steffi Burkhardt, denn dies könne ganz einschneidende Folgen haben. Sie empfiehlt, wo immer möglich auf die Zusammenarbeit mit einem Mentor zu setzen. Dem kann ich nur zustimmen.

Marktpositionierung

Ist die Nachfrage groß, sinken die Preise. Das ist ein alter ökonomischer Grundsatz, meinen viele. Ja, der Konkurrenzkampf zwischen den Lebensmitteldiscountern hat dazu geführt, dass zwar in diesem Segment die Preise fallen, aber es zeigt sich, dass der kleine und mittlere Fachhändler trotz des Drucks durch Lebensmitteldiscounter und Retailer langfristig (gut) wird überleben können – allerdings nur, wenn er seine Vorteile voll ausschöpft und sich gut am Markt positioniert. Stichwort: Marktpositionierung. Ich bin fest davon überzeugt, dass es auf dem globalen Übersetzungsmarkt einen Platz „für alle“ gibt: Die ganz großen Allround-Agenturen bedienen den sog. bulk market; die kleineren KMU-Sprachdienstleister sind in fein abgesteckten Marktsegmenten tätig und/oder versorgen ihre kleine feine Stammkundschaft; und selbstverständlich bleibt noch ein ausreichend großes Kuchenstück auch für die einzelkämpfenden Übersetzer übrig, die auf ihrem (Premium-)Markt, in ihrem speziellen Sandkasten ihre Dienstleistungen erbringen. Der Markt gibt das her, das steht außer Frage. Und es steht hier nicht zur Debatte, was „besser“ oder „weniger gut“ oder „schlechter“ ist. Einmal mehr darf ich an Kevin Hendzel Beitrag „It Was the Best of Times, It Was the Worst of Times: How the Premium Market Offers Translators Prosperity in an Era of Collapsing Bulk-Market Rates” erinnern.

Was bedeutet das für den Übersetzer und seine Entwicklung in der Zukunft? Er muss sich entscheiden, ob er im sog. bulk market tätig sein will, wo im Idealfall Wortpreise bis ca. 10 Cent gezahlt werden und der Kunde nicht immer die von uns Übersetzern gewünschte Vorstellung von Qualität hat – Kundenzitat: „Hauptsache, ich verstehe, was gemeint ist“. Oder ob er dank seines Talents, in der Zielsprache hervorragend schreiben und nicht „nur“ übersetzen zu können, dank seiner Fähigkeit, dem Zieltext den ganz besonderen Schliff zu geben, dank seiner Expertise auf dem fraglichen Fachgebiet usw. einem Segment zugehörig sein will, wo ihm mehr wirtschaftliche Freiheit durch deutlich höhere Wortpreise ermöglicht wird. Zugegeben: Das „Wollen“ wird hier nicht das Entscheidende sein, sondern das „Können“, also die Fähigkeit / Fertigkeit dazu. Aber so wie auch ein talentierter Möbelschreiner mit Engagement, Eigeninitiative und Fleiß zum gefragten „Ebenisten“ werden kann, vermag auch ein guter Übersetzer den Spitzenbereich erreichen. Die Frage ist: Will der Übersetzer „nur“ überleben oder gut von seiner Arbeit leben? Das muss jeder für sich entscheiden. Ein Lesetipp hierzu: Secrets of six-figure translators (by Corinne McKay).

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist die Spezialisierung. Über die Bedeutung und ihre Erfahrung damit hat Ricarda Essrich einen interessanten Artikel in unserem Wissenswinkel geschrieben. Und auch hier im Rüsterweg stehen in der Kategorie „Die Welt des Übersetzens“ verschiedene Beiträge zur Verfügung, in denen dieser Punkt thematisiert worden ist.

Praxisbezug und soziale Kompetenz

Auch heute wird in den diversen Studiengängen (nicht nur im Translationsbereich) zu akademisch ausgebildet. Ein stärkerer Bezug zur Praxis wäre wünschenswert, so auch für Übersetzer und Dolmetscher, für die ein Kennenlernen der Unternehmensstrukturen, des Kunden-Lieferanten-Gefüges und -Umgangs, der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb eines Unternehmens meiner Ansicht nach grundlegend wichtig ist. Mit einem auf diese Weise umgesetzten Praxisbezug einher geht auch das Aneignen bzw. der Ausbau der sozialen Kompetenzen, die vielfach bei Einzelkämpfern, die nach ihrer Ausbildung direkt in die Selbstständigkeit eingestiegen sind, fehlen bzw. stark entwicklungsbedürftig sind, was auch Steffi Burkhardt bestätigt (im o.g. Burkhardt-Interview Time Code 18:35). Mehr zum Thema Soft Skills gibt es im Rüsterweg-Dreiteiler, den der ADÜ Nord in seinem Infoblatt Ausgabe 2015-05 veröffentlicht hat.

Während Steffi Burkhardt und ich uns beim Komplex ‚Praxisbezug und soziale Kompetenz‘ völlig einig sind, kann ich ihre Forderung, man müsse den jungen Leuten mehr Gelegenheit geben, sich „auszuprobieren“ und „zu scheitern“, allerdings nicht teilen. Aus welchem Grund sollte eine Generation, die wohlbehütet und nicht selten verwöhnt aufgewachsen ist, deren Helikoptereltern „alles“ getan haben, in der heutigen Arbeitswelt die Tauben fertig gebraten ins Mäulchen geworfen bekommen? Der Lerneffekt wäre dabei gleich Null. Wie SWR-Moderatorin Nicole Köster bin ich der Meinung, dass mehr Selbstmotivation und Eigeninitiative, durchaus mit Unterstützung eines Mentors, hier sinnvoller wären, um die Herausforderungen von heute und morgen zu meistern.

Anspruchsvolle Maßanfertigung

Warum wenden sich Firmenkunden an große Agenturen? Ein Dokument muss in 35 Sprachen übersetzt, dann noch das Layout für die Druckversion aufbereitet und der Versand der Printausgabe in 50 Ländern verteilt werden. Klar, das schafft kein Einzelkämpfer. Muss auch nicht sein. Für den (Firmen-)Kunden ist das Verpflichten einer Agentur bequem, denn für seine unterschiedlichen Anforderungen muss er sich nur an einen einzigen Ansprechpartner wenden. Verständlich. Aber nicht alle Firmenkunden haben ausschließlich solche Monsterprojekte in ihren Schubladen. Die Kunst besteht darin, den Firmenkunden davon zu überzeugen, dass er für seine Rosinentexte, die besonders knifflig sind und einer besonderen Sprachqualität bedürfen, unbedingt SIE als Übersetzerin, als Übersetzer einsetzen muss. Dass er für seinen Rosinentext die Übersetzung eines qualifizierten Sprachmittlers benötigt, denn nur dieser ist in der Lage, ihm eine Maßanfertigung zu liefern. Diese zeichnet sich durch Spitzenqualität in der Verarbeitung, Stilsicherheit, Passgenauigkeit und individuelle Anpassung an den Kundenwunsch aus. Und das hat eben seinen Preis. Wie auch der Maßanzug. Sicher haben Sie als aufmerksame Leserin oder aufmerksamer Leser gemerkt, dass ich nicht „einwandfreie Qualität“, sondern „Spitzenqualität“ geschrieben habe. Genau hier liegt ein Mosaikstein, der das Kernstück im Erfolgsbild des Übersetzers in der Zukunft bildet. Gut ist nicht gut genug, wenn Sie im High Rate Bereich tätig und vor allem erfolgreich sein wollen. Dort ist der Anspruch des Kunden in puncto Leistungsgüte, Fachwissen u.v.m. extrem hoch, und ihm gilt es mit einer „Supertopqualität“ gerecht zu werden – morgen noch stärker, als es bereits heute der Fall ist.

Mehr als nur übersetzen

Ein weiterer Trumpf im Ärmel: die Erweiterung des Leistungsangebots. Längst wissen das die großen Sprachdienstleister: „They are offering new services, building new tools, and linking their processes and technology with that of their customers to provide better, faster and more reliable products and services“, schreibt das Beratungsunternehmen Common Sense Advisory.  In der Tat ist ein breiter aufgestelltes Produkt- bzw. Leistungsspektrum durchaus geeignet, für eine stabilere Geschäftsbasis zu sorgen. Auch Einzelkämpfer können das auf ihrem Level bewerkstelligen, ohne sich ausschließlich auf Postediting beschränken zu müssen. Hintergründe und Anregungen, Erfolgsstories und Tipps hierzu finden Sie in der Ausgabe 3/2015 der Fachzeitschrift MDÜ, in der das Titelthema „Diversifizierung – Zwang oder Chance?“ hervorragend dargestellt ist.

Raus aus der Komfortzone

Ebenfalls ganz entscheidend wird noch stärker als heute sein, dass die Jüngeren ihre Komfortzone verlassen, neue Wege gehen, Mut und Eigeninitiative zeigen. Natürlich kostet das Überwindung. An einem klassischen Beispiel wird klar, was hier gemeint ist. Wenn ich im Kontakt mit jüngeren Übersetzern das Wort Akquise ausspreche, höre ich „das geht nicht, das klappt nicht … Ach, ich telefoniere nicht gerne, das kostet Zeit, ich habe eine Rundmail verschickt, es kam aber keine Antwort …“. Komfortzone hat etwas mit Ängsten zu tun, mit festgefahrenen Methoden, mit Bequemlichkeit und Trägheit. Doch in Zukunft wird der Markt noch härter umkämpft werden, so dass es sich niemand wird leisten können, sich in seiner Komfortzone einzumauern. Gut bezahlte Aufträge fallen einem schon heute nicht wie gebratene Täubchen ins Maul.

Hier zeigt sich, dass die Sozialkompetenz „Kommunikationsfähigkeit“ von zentraler Bedeutung ist. Damit ist nicht der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, Freunden, Verwandten usw. gedacht, sondern die Fähigkeit, mit (potenziellen) Kunden auf Augenhöhe zu kommunizieren, auf ihn zuzugehen, die eigenen Assets geschickt zu präsentieren, sich in (Preis-)Verhandlungen gekonnt zu behaupten usw. In der Komfortzone zu verharren ist nicht anderes, als aufhören zu rudern. Wer aufhört zu rudern, fällt im Wettbewerb zurück. Auch hier meine Empfehlung: Fordern Sie die Unterstützung älterer Hasen ein, das ist immer ein fruchtbarer Austausch, auch wenn Sie am Ende Ihren Weg gehen (sollten).

Freude an der Arbeit und Ausdauer

Nicht nur für diesen Beitrag war und bin ich viel im Internet unterwegs und unterhalte mich intensiv mit jüngeren und gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen. In mehreren Fachforen ist mir in den letzten Monaten aufgefallen, dass zahlreiche selbstständige Übersetzer nach eigenen Aussagen zwar „viel“ (was auch immer sie darunter verstehen) arbeiten, aber darin keine Erfüllung sehen, sondern ein notwendiges Übel, also mehr „Frust als Lust“ empfinden. Das schockiert mich deshalb, weil ich der festen Überzeugung bin, dass man nur das richtig gut macht, was man gerne macht. Und ganz bestimmt kann gerade in unserem Metier das „ich quäle mich zur Arbeit“ nicht zum langfristigen Erfolg führen – ganz abgesehen davon, was solche Aussagen, die für jedermann (also ohne Registrierung o. Ä.) im Internet sichtbar sind, auf potenzielle Auftraggeber für einen Eindruck hinterlassen (für den Einzelnen sowie für die gesamte Zunft).

Auch scheint es den Jüngeren fallweise an Ausdauer und Energie zu fehlen – zumindest im Bereich der Arbeitsbelange. Da lese ich, dass man nach 5 Stunden schon „völlig kaputt“ sei oder nicht mehr „als 2000 Wörter“ am Tag übersetzen könne. In der Industrie, in der Menschen im Schichtbetrieb 8 Stunden Leistung – z. B. am Fließband stehen – bringen müssen, weil jedes gefertigte Produkt über die Qualitätskontrolle geht, hätten solche Übersetzer keine Chance, die Probezeit zu überstehen. Auch Schreibtischtäter müssen als Festangestellte mehrere Stunden am Stück hart arbeiten. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, sich zu Tode zu arbeiten (das schaffen ohnehin nur die wenigsten), aber 5 Stunden Arbeit pro 24 Stunden?!

Zusammenfassung

Es wird in den kommenden Jahren nicht einfacher, aber meiner Meinung nach blüht dem Übersetzer eine vielversprechende Zukunft. Worauf es allerdings ankommen wird, ist hier zusammengefasst:

  • Tools (aber richtig eingesetzt!), einschl. Spracherkennungssoftware Dragon NaturallySpeaking, und Terminologiemanagement
  • Voraussetzungen als Unternehmer
  • Reaktionsschnelligkeit
  • Marktpositionierung
  • Spezialisierung
  • Praxisbezug
  • soziale Kompetenz
  • Selbstmotivation und Eigeninitiative
  • Spitzenqualität
  • Diversifizierung
  • Raus aus der Komfortzone
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Freude an der Arbeit
  • Ausdauer und Energie

(*) Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird im gesamten Text das generische Maskulinum verwendet. Außerdem gelten die Ausführungen möglicherweise nicht für Literaturübersetzen, da ich in diesem Bereich keine Erfahrung habe.

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Übersetzer: ein Beruf mit Zukunft? (1) http://www.ruesterweg.de/2016/10/uebersetzer-ein-beruf-mit-zukunft-teil-1/ http://www.ruesterweg.de/2016/10/uebersetzer-ein-beruf-mit-zukunft-teil-1/#comments Mon, 31 Oct 2016 15:11:32 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2529 „Übersetzer: ein Beruf mit Zukunft? (1)“ weiterlesen]]> p1170064klSchon immer werden Kinder und Jugendliche gerne gefragt, was sie später einmal werden wollen. Und seit jeher empfehlen besorgte und fürsorgliche Eltern ihren Sprößlingen, doch bitteschön einen Beruf mit Zukunft zu erlernen. Da stellt sich die Frage: Welches sind denn die Berufe mit Zukunft? Und wie steht es mit dem Beruf „Übersetzer“?

Die Generation Z

Wer in der heutigen Zeit aufwächst oder auch schon in der ersten Phase seiner Berufstätigkeit ist, gehört zur sog. Generation Z, auch YouTuber genannt, die Prof. Dr. Antje-Britta Mörstedt, PFH Private Hochschule Göttingen, in einer Studie thematisiert hat. Gemeint sind alle, die in den Jahren ab 1994 geboren wurden. Digitalisierung, Internet, Smartphone, E-Mails, SMS, WhatsApp, Social Media … – all das gehört zu ihrem Leben wie das tägliche Zähneputzen. Dabei unterscheiden sie nicht zwischen Arbeit und Privatleben – sie sind stets online, reagieren schnell auf Twitter, Facebook & Co., sind auf allen Kanälen aktiv. In der Straßenbahn, im Wartezimmer beim Arzt, im Café und selbstredend auch während des Besuchs bei der Freundin – online muss sein. Man könnte ja etwas Wichtiges versäumen, wobei „wichtig“ in diesem Zusammenhang sehr individuell definiert wird.

Aber anders als die Generation Y differenziert die Generation Z wieder stärker zwischen Arbeit und Privatleben. Life Work Balance – ja, aber mit ausgeprägterer Trennlinie zwischen Life und Work. Regelmäßig länger im Büro, den Dienst-Laptop mit nach Hause nehmen, permanent für den Chef erreichbar sein – nein, danke. Das wollen sie nicht mehr. Und das ist auch in Ordnung so. Ihre Selbstverwirklichung suchen die YouTuber vor allem in ihrer Freizeit und im sozialen Austausch mit Gleichgesinnten, mit denen sie sich virtuell quasi ununterbrochen „treffen“. Sie sind übrigens überdurchschnittlich oft das Kind eines Alleinerziehenden – aus den unterschiedlichsten Gründen, meist jedoch wegen Trennung der Eltern. Einer der Gründe, weshalb sie den Wohlstand ihrer Eltern und erst recht Großelterngeneration nicht erreichen werden. Das betrübt sie allerdings wenig, legen sie doch viel größeren Wert auf freie Entfaltung, so das Ergebnis einer von Prof. Dr. Antje-Britta Mörstedt durchgeführten Umfrage.

Hatten es die heutigen alten Hasen damals leichter?

Während meine Generation – die sog. 40- bis 60-jährigen Babyboomer, die größte Population aller Generationen seit 1920 in Deutschland, die sich bereits an der Schwelle zum Ruhestand befindet und die Arbeit ins Zentrum des Daseins gerückt hat (Stichwort Begriff Workoholic) – noch angeleitet und nicht sich selbst überlassen wurde, zur „Vernunft“ erzogen worden ist (was immer mit Vernunft gemeint ist) und im Vergleich zu heute engere Grenzen erlebt hat, steht den heutigen YouTubern alle Wege offen. Wirklich?

So einfach ist das nicht. Klar, unsere Großeltern behaupten, sie haben es schwerer gehabt. Unsere Eltern sind der Meinung, dass sie härter haben arbeiten müssen – und so wird es wohl die nächsten tausend Jahre weitergehen: Jede vorangegangene Generation meint, die jüngere lebe wie im Paradies. Und dann kommt interessanterweise auch immer ein „ach, früher … früher war alles besser“. Nun ja. Mir geht es nicht darum, wer es schwerer oder leichter hat bzw. hatte – das ist sicher auch immer eine subjektive Geschichte. Vor dem Hintergrund der Frage, welche Berufe nach heutigem Stand Zukunft haben – einer Frage, die kürzlich Thema eines interessanten Vortrags mit anschließender Diskussion anlässlich des firmeninternen Events eines Industriekonzerns war, zu dem ich eingeladen war – habe ich mich gefragt: Hat der Beruf des Übersetzers(*) Zukunft? Lohnt es sich für junge Leute, diesen Beruf zu wählen, sich darin ausbilden zu lassen und ggf. den Weg der Selbstständigkeit zu wählen? Kann ein selbstständiger Berufseinsteiger in der Branche seinen Lebensunterhalt bestreiten? Kann er „gut“ verdienen? Eine Familie ernähren? Und das möglicherweise vierzig Jahre oder mehr? Wirft dieses Business genügend bzw. so viel ab, dass man auch Vorsorge für das Alter treffen kann, um sicherzustellen, dass man nicht in die Altersarmut abdriftet? Diese und andere Fragen in dem Zusammenhang habe ich einigen älteren KollegInnen gestellt: Übersetzerprofis aus meinem „altbewährten“ über 25-jährigen Netzwerk, also alles sog. Babyboomer, heute im Alter zwischen 51 und 60.

Fast wie Neandertaler …

Für die jungen Menschen der Generation Z hier ein paar Details zu meinem Oldie-Netzwerk:

  • Alle haben Übersetzer an einer Hochschule studiert, entweder in Frankreich oder in Deutschland.
  • Wir haben alle unsere Diplomarbeit (oder „thèse, mémoire …“) auf einer Schreibmaschine abgetippt. PC gab es damals noch nicht.
  • Es gab natürlich auch kein Internet, kein Mobiltelefon, kein E-Mailsystem, keine social media usw.
  • Meinen ersten PC kaufte ich mir gebraucht 1986: winziger Bildschirm, blauer Hintergrund, weiße Schrift, und der Rechner brummte und pustete warme Luft aus, was das Zeug hielt. Es war ein IBM, mehr weiß ich nicht mehr. Mit 5,25-Zoll-Disketten. Software? Ha ha, ein Textverabeitungsprogramm – das war’s auch schon.

Vorsintflutlich? Aus heutiger Sicht bestimmt. Für die Akquise wälzten wir die Gelben Seiten, gingen auf Messen (mit dem Zug, keiner von uns hatte ein Auto), wo wir kiloweise (mit dem Einkaufstrolley der Oma) Firmenprospekte mitnahmen, die wir dann zu Hause wälzten, die geeigneten Adressen auswählten und anriefen. Das ging ins Geld, denn eine Telefon-Flatrate gab es nicht. Jeden Brief, in dem wir unsere Dienstleistungen anboten, tippten wir einzeln. In geschätzten 98 % der Fälle kam nie eine Antwort.

Wurde ein Auftrag erteilt, bekam man den Text in Papierform per Post (auch Faxgeräte gab es damals nicht), man recherchierte in Bibliotheken, Fach- und Wörterbüchern, übersetzte (per Schreibmaschine und so ab Mitte der 1980er Jahre mit dem PC, aber Mails in Privathaushalten gab es damals immer noch nicht) und schickte die Übersetzung in Papierform per Post zurück. Alles mühsam und mit viel Aufwand verbunden. Aber man kannte es ja nicht anders. Also war es in Ordnung.

Hauptberuflich war ich in einem großen Industriekonzern angestellt, wo ich 1985 das Übersetzungsbüro aufbaute. Auf die Olivetti-Bildschirmschreibmaschinen ETV250 mit Typenrad und Diskettenlaufwerk (3,5“) waren wir echt stolz. 2-3 Jahre später bekamen wir ein System von Ericsson, in dem ein leeres Gerüst für Terminologie vorhanden war – der Vorläufer der TM. Und 1991 kamen die ersten PC in der Firma zum Einsatz, aber da war ich schon im Bildungswesen tätig. Nebenberuflich war ich all die Jahre ab 1977 tätig – erst mit Schreibmaschine, dann kaufte ich mir auch eine Olivetti-Bildschirmschreibmaschinen ETV250 , um kompatibel mit meinem Arbeitgeber in meiner hauptberuflichen Tätigkeit zu sein, dann den oben erwähnten gebrauchten PC usw.

Und heute?

Heute ist natürlich alles viiiiiiel leichter, nicht wahr? Ha ha, klar, jetzt gibt es die ganze Technik, der Auftrag kommt per Mail, die Recherche erfolgt im Internet, die Übersetzung wird per Mail zurückgeschickt, die Rechnung ebenfalls … Das Konto wird online verfolgt, die Akquise kann leicht per Telefon und Flatrate im ganzen Universum stattfinden, sogar Weiterbildungsmaßnahmen finden am Bildschirm statt, und vor allem kann ich jederzeit und überall meine Mails checken und übersetzerisch die Welt retten … alles easy, oder?

Tja, wenn’s „nur“ die Technik wäre. Dass das alles extrem praktisch und ganz bestimmt nicht mehr wegzudenken ist, daran zweifelt heute niemand. Aber während man damals als selbstständiger Übersetzer bestenfalls angerufen und meist angeschrieben wurde („Wir haben Ihren Namen in den Gelben Seiten gelesen …“), wird heute die Mailanfrage einer Agentur an 25 potenzielle Dienstleister geschickt mit dem Hinweis „Please give us your best rate“. Den Zuschlag bekommt oft, wer am schnellsten reagiert und den niedrigsten Preis nennt. Und selbstredend die kürzeste Deadline. Und nebenbei bemerkt: Es gibt tatsächlich immer genügend Übersetzer, die zu diesen schlechten Konditionen arbeiten. Aber das ist nicht mein Thema.

Berufe mit Zukunft

Im oben erwähnten Vortrag wurden einige interessante Zahlen und Fakten genannt. Lebensmitteltechniker, Optiker, Altenpfleger, Erzieher, Ingenieure und Informatiker seien nach wie vor Berufe mit großer Zukunft. Eine der größten Optikerketten in Deutschland würde jährlich dreißig weitere Filialen öffnen, wenn es genügend Optiker gäbe, hieß es. Unternehmen in den Bereichen Fahrzeug- und Maschinenbau, Elektronik, Chemie, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit suchten händeringend Nachwuchskräfte: Über 100.000 Ingenieurstellen konnten 2015 nicht besetzt werden, hieß es im Vortrag. Dass es unter den Berufen mit Zukunft auch schlecht(er) bezahlte gibt, ist leider eine Tatsache. Aber in Zeiten älter werdender und medizinisch besser versorgter Menschen werden nun mal Altenpfleger gesucht – und es bleibt zu hoffen, dass die Gesellschaft, aber vor allem diejenigen, die über die Verteilung der Geldsäcke entscheiden, sich eines Tages dessen bewusst werden, wie wertvoll die Arbeit eines Altenpflegers oder auch eines Erziehers ist.

Kommen wir zum Punkt: der Übersetzer. Ich bin davon überzeugt, dass der Beruf Zukunft hat und auch in den nächsten 100 Jahren nicht aussterben wird – im Gegensatz zum Beruf des Buchbinders oder der Modistin. Unumstritten ist, dass die Bedeutung von Sprache und Kommunikation unter anderem aufgrund der wachsenden Globalisierung der Märkte eher zunehmen als abnehmen wird. Und ich persönlich bin davon überzeugt, dass die komplexe Tätigkeit des Übersetzens schwieriger Texte ganz gleich welchen Fachgebiets auch mittelfristig nicht von einer Maschine hundertprozent fehlerfrei und in flüssigem Stil übernommen werden kann. Diesbezüglich mache ich mir auch für meine viel jüngeren KollegInnen überhaupt keine Gedanken.

Allerdings wird sich das gesamte Umfeld der sog. translation industry weiter verändern – um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man kein Prophet sein. Die für den (selbstständigen) Übersetzer relevanten Rahmenbedingungen setzen nicht erst seit heute neue Eckpunkte, die von ihm bereits jetzt und stärker noch in der Zukunft einiges abverlangen, will er sich mittel- und langfristig behaupten. Was konkret damit gemeint ist, wird im zweiten Teil näher erläutert.

(*) Bessere Lesbarkeit: Sofern nichts anderes angegeben, deckt die männliche Form (z.B. Übersetzer, Freiberufler, Unter-nehmer) auch die weibliche Form ab.

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Rechtssprache – die besondere Herausforderung http://www.ruesterweg.de/2016/09/rechtssprache-die-besondere-herausforderung/ http://www.ruesterweg.de/2016/09/rechtssprache-die-besondere-herausforderung/#respond Mon, 12 Sep 2016 11:36:13 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2520 „Rechtssprache – die besondere Herausforderung“ weiterlesen]]> Die Rechtssprache ist eine der zentralen und auch schwierigsten Fachsprachen, mit denen ein Sprachmittler konfrontiert werden kann. Aus diesem Grund sind ausschließlich Fachübersetzer mit entsprechender Spezialisierung und natürlich auch Juristen mit entsprechenden Sprachkenntnissen geeignete Ansprechpartner für Übersetzungen in diesem Fachgebiet.

Lesen Sie den Beitrag, den ich für die Agentur eubylon verfasst habe:

Juristische Übersetzungen – die besondere Herausforderung

Bildungsangebote rund um das Thema Rechtssprache – von der Einführung in diese Fachsprache bis hin zum Zeugnis- und Urkundenübersetzen über die Vermittlung von Fachkenntnissen zu Vertrags-, Gesellschafts-, Arbeitsrecht usw. diverser Länder – bietet der BDÜ. Was die Weiterbildungsangebote des BDÜ (Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V.) auszeichnet, ist das hohe fachliche Niveau der Veranstaltungen: Namhafte Experten geben ihre Expertise an die Teilnehmer weiter. Dabei sind die Teilnahmegebühren vergleichsweise günstig. Die BDÜ-Weiterbildungsangebote sind für Mitglieder sowie für Nichtmitglieder offen.

 

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Feinschliff für Ihr Französisch (1) http://www.ruesterweg.de/2016/09/feinschliff-fuer-ihr-franzoesisch-1/ http://www.ruesterweg.de/2016/09/feinschliff-fuer-ihr-franzoesisch-1/#respond Tue, 06 Sep 2016 08:07:21 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2514 „Feinschliff für Ihr Französisch (1)“ weiterlesen]]> Herzen gross - FVor Menschen, die eine Fremdsprache sehr gut in Wort und Schrift beherrschen, ziehe ich gerne meinen Hut. Doch wie gut ist „sehr gut“? Was bedeutet „fehlerfrei“? Woran stellt ein französischer Muttersprachler – möglicherweise Kunde eines Sprachmittlers – fest, dass der sehr gute Text aus der Feder eines Nicht-Franzosen stammt? Beispiele aus meiner Sammlung …

Ich kenne sehr viele Menschen mit Muttersprache Deutsch, darunter logischerweise zahlreiche Übersetzerkolleginnen und -kollegen, die ganz hervorragend Französisch sprechen. Geht es ums fehlerfreie Schreiben, ist diese Gruppe schon erheblich kleiner. Und dennoch: Hut ab! Denn Französisch ist meiner Ansicht nach eine recht schwierige Sprache. Mit „fehlerfrei“ meine ich hier übrigens das Fehlen von Rechtschreib-, Grammatik- und Wortschatzfehlern. Doch dieses „fehlerfrei“ kann eine anspruchsvolle französische Muttersprachlerin wie mich nicht wirklich zufrieden stellen.

Sprachmittler, die in Frankreich leben und überwiegend in einem französischen Umfeld agieren (also nicht ausschließlich oder überwiegend deutsche Kontakte pflegen), haben sicher gute Chancen, ihre Kenntnisse der französischen Sprache unter optimalen Voraussetzungen zu verfeinern. Wann wird Französisch für sie nicht mehr als „Fremd“-Sprache empfunden? Ab wann haben sie das Gefühl, Französisch so gut zu beherrschen, dass sie sich auch trauen, zum Beispiel in französischer Sprache in den social media zu posten oder gar dem sog. Muttersprachlerprinzip, also der „goldene Regel“, die besagt, dass ein Übersetzer ausschließlich in seine Muttersprache übersetzen soll, eine Absage zu erteilen?

Ich möchte einige Satzbeispiele anführen, die auf den ersten Blick gar nicht (für jeden) den Eindruck erwecken, dass hier etwas „falsch“ oder nicht ganz korrekt ist. Manche Beispiele sind auch rein grammatikalisch völlig in Ordnung. Nur: Sie sind der eindeutige Beweis, dass hier noch … Verbesserungspotenzial vorliegt. Die Erläuterungen finden Sie am Ende der genannten Beispiele … en français.

Der Klassiker, der mir mindestens einmal wöchentlich in Bewerbungen von Deutschen, die mir auf Französisch schreiben, begegnet:

(1) Dans l’attente de votre réponse, veuillez agréer, Madame, …

Ähnlich gelagert:

(2) Arrivé chez lui, la fatigue le submergea.

(3) Tout en continuant à bien faire votre travail, il va être indispensable de …

Andere Kategorie:

(4) J’avoue que j’ai fait une erreur.

Auch nicht selten:

(5) Nous cherchons des personnes qui soient prêtes à nous aider.

(6) Quelqu’ils soient, les compliments font du bien.

Explications 

Pour expliquer les différents cas de figure, je préfère m’exprimer en français.

(1) Dans l’attente de votre réponse, veuillez agréer, Madame, …

Posez la question : Qui attend une réponse ? « Je » ou « nous », c’est-à-dire la personne qui écrit ou, selon le cas, les personnes qui écrivent la lettre.

Et qui est prié d’agréer … ? « Vous », c’est-à-dire le destinataire de la lettre. Peu importe ici qu’il s’agisse d’une femme (Madame), d’un homme (Monsieur) ou de plusieurs personnes (Mesdames, Messieurs).

Le sujet sous-entendu de la première partie (celui ou celle qui attend une réponse à la lettre) doit être identique au sujet sous-entendu de la deuxième partie (celui ou celle qui est prié d’agréer …). Par conséquent, on écrira :

Dans l’attente de votre réponse, nous vous prions, Madame, d’agréer …

Dans l’attente de votre réponse, je vous prie, Madame, d’agréer …

Si vous préférez la formule « veuillez agréer … », séparez les deux messages (attendre une réponse / prier d’agréer) et écrivez par exemple :

Nous vous remercions d’avance pour votre réponse. Veuillez agréer, Madame, …

(2) Arrivé chez lui, la fatigue le submergea.

Dans ce cas de figure, il s’agit du même type de problème, mais légèrement « décalé ». Le sujet sous-entendu du participe passé « arrivé » (appelons-le Michel pour faciliter les explications) n’est pas le sujet du verbe submerger. On retrouve notre pauvre Michel sous la forme du pronom personnel « le » qui est ici complément d’objet direct (en allemand, vous diriez « accusatif »).

Il faudra donc écrire (par exemple) :

Arrivé chez lui, il succomba à sa grande fatigue.

(3) Tout en continuant à bien faire votre travail, il va être indispensable de …

Dans la foulée, nous voilà devant une troisième forme du problème présenté sous 1) et 2). Ici, le sujet sous-entendu de « continuer à bien faire son travail » est « vous » tandis que le sujet du verbe de la principale est une formule impersonnelle introduite par « il ».

Il faudra écrire ici :

Tout en continuant à bien faire votre travail, vous devrez (faire) … / vous serez amené(s) à (faire) …

(4) J’avoue que j’ai fait une erreur.

Voilà une phrase grammaticalement tout à fait correcte. Par contre, nous sommes en présence du même sujet pour les deux verbes. Par conséquent, il vaut mieux privilégier une formule plus élégante :

J’avoue avoir fait une erreur.

(5) Nous cherchons des personnes qui soient prêtes à nous aider.

Si, si, le subjonctif est non seulement correct, mais avant tout signe d’une bonne maîtrise de la langue française. Pour rendre la phrase plus élégante et plus légère, omettons le verbe être et écrivons :

Nous cherchons des personnes prêtes à nous aider.

Et remplaçons l’adjectif « prêt » par « disposé » :

Nous cherchons des personnes disposées à nous aider.

(6) Quelqu’ils soient, les compliments font du bien.

Là, par contre, un petit casse-tête que même bon nombre de personnes de langue maternelle française ne maîtrisent pas vraiment : quelque (en un mot) ou quel que (en deux mots avec accord) ?

La règle : Si le terme qui pose problème est placé devant un verbe ou un pronom personnel comme « il(s) » ou « elle(s) », il faut écrire « quel que », en deux mots, et accorder « quel » avec le sujet du verbe en question. Exemples :

Quels qu’ils soient, les compliments font du bien. (verbe)

Quelle qu’en soit la cause, son comportement est inacceptable ! (verbe)

Mais si le terme qui pose problème est placé devant un adjectif, un nom ou un adverbe, on écrira « quelque » en un seul mot. Exemples :

Il arrive systématiquement en retard, pour quelque raison que ce soit. (nom)

Quelque  malin qu’il soit, il n’arrivera jamais à me tromper. (adjectif)

A la prochaine avec d’autres cas de figure qui vous permettront de fignoler votre français.

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Schnee von gestern http://www.ruesterweg.de/2016/08/schnee-von-gestern/ http://www.ruesterweg.de/2016/08/schnee-von-gestern/#comments Wed, 31 Aug 2016 07:53:54 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2506 „Schnee von gestern“ weiterlesen]]> P1020484Nichts ist so uninteressant wie der Schnee von gestern. Oder die Zeitung von gestern. Und kalter Kaffee lockt erst recht niemanden hinter dem Ofen hervor. Sie ahnen es vielleicht, liebe Leserinnen und Leser: Heute geht es um deutsche Redewendungen rund um das Thema „alt / gestern“ und ihre französische Entsprechung.

Bemerkenswerterweise geht die Wendung „das ist Schnee von gestern“ wahrscheinlich auf die als Refrain wiederkehrende Frage „Mais où sont les neiges d’antan?“ (zu dt.: „Aber wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“) aus der „Ballade des dames du temps jadis“ des französischen Dichters François Villon (15. Jh.) zurück. Die Formulierung „Schnee von gestern“ verwendet der Franzose im Alltag jedoch nicht, sondern eher:

  • C’est de l’histoire ancienne.
  • C’est de la vielle histoire.
  • C’est du passé.
  • C’est du réchauffé. (umgangssprachlich)

Da kommt jemand und erzählt Ihnen eine vermeintlich tolle Neuigkeit. Doch Sie sagen: „Das ist ein alter Hut!“. Auf Französisch:

  • Ce n’est pas nouveau.
  • Ce n’est pas une nouveauté.
  • C’est vieux comme le monde.

Mit alten Zöpfen ist das so eine Sache, denn es sind alte, liebgewonnene Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Gedanken, die aus der Mode geraten sind. Die Wendung geht auf den im 18. Jahrhundert vorgeschriebenen preußischen Soldatenzopf zurück, der nach der französischen Revolution als Symbol für Rückständigkeit galt. Deshalb will heute so mancher alte Zöpfe abschneiden. Will man das französische Pendant wiedergeben, so ist stark kontextbezogen vorzugehen. Beispiele:

  • se défaire / se débarrasser de vieilles habitudes, de comportements erronés, de méthodes démodées
  • rompre avec les vieilles habitudes, les comportements erronés, les méthodes démodées

Und wenn die erzählte Geschichte „soooo einen Bart hat“, dann befindet der Franzose:

C’est vieux comme Mathusalem !

Nervt Sie jemand mit „dieser alten Leier“, kontern Sie auf Französisch:

  • Oh, encore cette éternelle ritournelle !
  • Arrêtez de ressasser cette vieille litanie !
  • Toujours cette même (vieille) rengaine !
  • Arrêtez de me rabâcher les oreilles (ugs.) avec cette vieille histoire !
  • Arrêtez de me rebattre les oreilles avec cette vieille histoire !

Lautet der deutsche Text „Inzwischen ist das Thema zur alten Leier geworden“ (im positiven Sinne, z. B. im Sinne von: Standardthema, Leitmotiv), dann können Sie zum Beispiel schreiben: „Ce sujet est devenu une antienne“ (ja, mit T).

Unter Freunden kommt es vor, dass man sich mit „He, altes Haus, wie geht’s dir?“ begrüßt. Passend dazu sagt der Franzose:

Salut, vieille branche, comment vas-tu ?

Wer sich schwer tut, ausgetretene Pfade zu verlassen (s’aventurer hors des sentiers battus, quitter les sentiers battus, s’écarter des sentiers battus), oder nach kurzer Zeit wieder in den alten Trott oder in alte Verhaltensmuster zurückfällt (retomber dans les vieilles ornières, retomber dans ses vieux travers), hält an alten Gewohnheiten, Methoden, Gedanken fest (s’accrocher à de vieilles habitudes, méthodes, idées).

Betrachten Sie es als Kompliment, wenn Ihnen Ihr Gegenüber sagt: „He, du bist immer noch der/die Alte!“. Der Franzose sagt:

Ah, tu n’as pas changé !

Herzlichen Dank an meine geschätzte Kollegin Susanne Schartz-Laux für die Anregung zu diesem Thema, das auf Rüsterweg keineswegs zum alten Eisen gehört (stark kontextabhängig: être dépassé, démodé ; être bon à se faire mettre au rancart (ugs.), au rebut ; avoir dit son dernier mot (Personen) …).

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Viel, sehr viel und noch mehr http://www.ruesterweg.de/2016/08/viel-sehr-viel-und-noch-mehr/ http://www.ruesterweg.de/2016/08/viel-sehr-viel-und-noch-mehr/#comments Wed, 24 Aug 2016 08:49:01 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2501 „Viel, sehr viel und noch mehr“ weiterlesen]]> Lila Polster 098-cManches hat man gar nicht, von anderen Dingen steht ein wenig zur Verfügung und wiederum anderes häuft sich regelrecht. Sie rätseln, was ich damit meine? Heute geht es um französische Wörter und Wendungen, die mit ungenau definierten, aber größeren Mengen zu tun haben.

Jeder kennt das Blumenorakel. Sie nicht? Aber doch. Das geht so: Er/sie liebt mich, er/sie liebt mich nicht …, und jedesmal rupfen Sie dem armen Gänseblümchen ein Blütenblatt heraus. Was das mit Mengenangaben zu tun hat? Tja, in Frankreich geht das Blumenorakel so: Il/elle m’aime (1. Blütenblatt), un peu (2. Blütenblatt), beaucoup (3. Blütenblatt usw.), passionnément, à la folie, pas du tout. Da stellt sich die Frage, die wir uns für einen anderen Tag aufheben, wie messbar Liebe ist.

Mit dem „Mengenwort“ können Sie ziemlich deutlich oder auch sehr subtil Ihre Meinung äußern und sich in unterschiedlichen Stilebenentöpfen bedienen: So ist ein Haufen Kinder oder eine Horde Kinder (un troupeau d’enfants) anders zu bewerten als eine Kinderschar (une ribambelle d’enfants).

In der französischen Sprache werden nicht selten „Mengenwörter“ verwendet, die für deutsche Ohren und Augen ungewöhnlich erscheinen, aber durchaus geläufig sind. Beispiele:

  • J’ai été confronté à une avalanche de questions, de reproches, de menaces.
  • Elle m’a servi quantité (*) de mensonges qui ne l’ont pas même fait rougir.
  • Il m’a bombardé d’une kyrielle de questions, de reproches, de menaces.
  • Elle possède tout un bataillon de casseroles dans sa cuisine.
  • Tous les jours, je reçois un flot de messages électroniques.

(*) Quand ils ne sont pas précédés d’un article, les collectifs « nombre » et « quantité » ont le sens de « un grand nombre », « beaucoup ». Ils restent au singulier, même si le verbe qui suit est au pluriel.

Plein de ist umgangssprachlich bzw. Kindersprache, ebenso un tas de oder une floppée (auch: flopée), une bande de:

  • J’ai plein d’amis, plein de livres, j’ai un tas de livres.
  • J’ai mangé plein de chocolat, un tas de petits gâteaux.
  • Dans la cour d’école, toute une floppée de gamins jouait au foot.
  • Elle a invité un tas de fillettes pour fêter son anniversaire.
  • « Dans sa chambre […] une bande d’étudiants l’attendait impatiemment … » (Gilbert Bécaud, Nathalie)

Auf einer höheren Stilebene heißt es dann:

  • J’ai beaucoup d’amis, une foule d’amis, une kyrielle d’amis, beaucoup de livres, une foule de livres, un grand nombre de livres, une multitude de livres.
  • J’ai mangé beaucoup de chocolat, beaucoup de petits gâteaux.

Das Wort essaim ist übrigens ein interessanter Kandidat: un essaim d’abeilles (Bienenschwarm) ist die ursprüngliche Bedeutung, daraus abgeleitet alles, was sich bildhaft gesehen wie ein Bienenschwarm bewegt, also was wimmelt und wuselt. Beispiele:

  • Lorsque la sonnerie de la récréation retentit, un essaim d’enfants courut hors de la classe.
  • A 18 heures, un essaim d’ouvriers quitte l’usine.

Auch das Wort nuée ist interessant: une nuée de moustiques ou de sauterelles inspiriert zu diesen Beispielen:

  • Il a été tué par une nuée de balles.
  • L’avocat de la défense a fait appel à une nuée de témoins.

Vorsicht: Bei Fischen wird das Wort Schwarm weder mit essaim noch mit nuée übersetzt. Es heißt: un banc de poissons.

Ebenso aus der Tierwelt: une meute de chiens, de loups

Dès l’ouverture, une meute de curieux s’est précipitée dans le magasin.

Poetisch wird es zum Beispiel hier:

Elle pleure tout un océan de larmes.

Einiges ist auch dem Deutschen ähnlich:

  • Il a hérité d’une bonne dose d’humour.
  • Il lui faudra une belle portion de patience pour …
  • Elle a acheté toute une série de chaussures et sacs à main assortis.
  • J’ai mangé une montagne de salade verte.

 Ganz besonders diffizil ist die Anwendung von „une pléiade“. In der griechischen Mythologie sind die Plejaden die sieben Töchter des Titanen Atlas und der Okeanide Pleione, die von Zeus in Sterne verwandelt wurden. Daher empfiehlt sich, den Ausdruck „une pléiade de …“ nur im Zusammenhang mit kleineren Mengen zu verwenden, wobei es sich nicht zwangsläufig um genau 7 handeln muss. Beispiele:

Il avait invité une pléiade d’amis à dîner. (Das können auch 9 oder 10 Personen sein, aber keine 30).

Puristen streiten sich übrigens darüber, ob die Wendung „une pléiade de stars“ ein Pleonasmus ist (wegen der Verwandlung der Plejaden in Sterne).

Gerne wird auch der Wortschatz aus dem militärischen Bereich bemüht:

  • Elle est arrivée dans la salle avec toute une armée, une armada de collègues chargés de matériel.
  • Le metteur en scène dirige une légion de figurants de droite à gauche et vice-versa.
  • Elle est fière de son bataillon étincelant de plats et casseroles.
  • Nous avons été surpris par une brigade de touristes qui voulaient faire la fête dans notre jardin.
  • Il ne se déplace jamais sans son escadron de petits-enfants.

Und auch die Medizin trägt ihren Teil bei:

Ces dernières années, une pléthore de chômeurs est tombée à travers les mailles du filet social.

Il n’a pas voulu partir sans m’avoir posé une pléthore de questions.

 

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Glossar Nr. 2: Schluckauf http://www.ruesterweg.de/2016/08/glossar-nr-2-schluckauf/ http://www.ruesterweg.de/2016/08/glossar-nr-2-schluckauf/#comments Mon, 22 Aug 2016 12:46:24 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2492 „Glossar Nr. 2: Schluckauf“ weiterlesen]]> Schluckauf BildJeder kennt ihn, wahrscheinlich hat ihn jeder selbst mindestens einmal erlebt: den Schluckauf. Medizinisch ist der Schluckauf ein hochinteressantes Phänomen, weshalb ich ihm ein Glossar gewidmet habe.

In der medizinischen Fachsprache heißt er Singultus, was so viel wie „Schluchzen, Schlucken“ heißt. Man sitzt da, plötzlich … hicks. Da hat man ihn erwischt, den Schluckauf. Oder vielmehr umgekehrt: Er hat einen fest im Griff. Ein paar Minuten in der Regel, dann ist er wieder weg. Der US-Amerikaner Charles Osborne aus dem US-Bundesstaat Iowa war allerdings jahrelang von Singultus geplagt: Zwischen 1922 und 1990 litt er unter Dauerschluckauf und musste schätzungsweise 430 Millionen Mal hicksen. Damit schaffte er es ins Guinness-Buch der Rekorde – aber wahrscheinlich hätte er gerne darauf verzichtet.

Tipps, um den Schluckauf loszuwerden, gibt es viele: Kaltes Wasser trinken, Wasser trinken und dabei die Luft anhalten, ein Stück Zucker essen, sich erschrecken lassen, Kopfrechenübungen machen … Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass man sich vom Hickser ablenken lässt.

Im frühen 13. Jahrhundert wussten die Chinesen bereits: „Das Fell des Bauches spielt das Spiel der tanzenden Wogen“. Alle Achtung! Inzwischen ist der Singultus zumindest physiologisch erforscht. Dauert er nur wenige Minuten, ist er harmlos. Tritt er sehr häufig auf oder dauert er länger, zum Beispiel 48 oder mehr Stunden, sollte der Geplagte den Arzt aufsuchen. Denn der Singultus könnte ein Begleitsymptom einer Erkrankung sein. Das können ganz unterschiedliche Erkrankungen sein, so dass mein deutsch-französisches Glossar rund um das Thema Schluckauf doch recht umfangreich geworden ist. Das Glossar ist übrigens von einer zweisprachigen Medizinerin geprüft worden.

Deutsch-französisches Glossar rund um das Thema Schluckauf:
hier zum Download

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Wenn einer eine Reise tut … http://www.ruesterweg.de/2016/08/wenn-einer-eine-reise-tut/ http://www.ruesterweg.de/2016/08/wenn-einer-eine-reise-tut/#respond Tue, 16 Aug 2016 14:04:00 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2475 „Wenn einer eine Reise tut …“ weiterlesen]]> Kurpark in Bad Hersfeld
Kurpark in Bad Hersfeld

dann kann er was erzählen, doch nicht immer ist das Erlebte von Interesse für die Allgemeinheit. Der diesjährige Aufenthalt in Bad Hersfeld war allerdings wieder so vielfältig, dass ich Sie daran teilhaben lassen möchte. Kommen Sie mit auf die Reise? Los geht’s!

Das kleine Kurstädtchen Bad Hersfeld  im Nordosten Hessens, in dem Konrad Duden von 1876 bis 1905 Direktor des königlichen Hersfelder Gymnasiums war und der Computerpionier Konrad Zuse 1957 seinen Firmensitz hinverlegte, ist allemal eine Reise wert. In Bad Hersfeld betreibt Amazon sein ältestes Logistikzentrum in Deutschland. Das im September 1999 eröffnete Zentrum mit seinen ursprünglich 42.000 Quadratmetern – das sind 7 Fußballfelder – an Lagerfläche, das 2009 durch ein zweites 110.000 m² großes Areal – das sind wiederum 17 Fußballfelder – ergänzt wurde, beschäftigt 3.200 Mitarbeiter und besticht durch seine optimal durchorganisierten Prozesse. Auch die im Zwischenbuchhandel tätige Firma Libri, die sich übrigens im hundertprozentigen Eigentum der Unternehmerfamilie Herz (Tchibo) befindet, hat in Bad Hersfeld, der „logistischen Mitte“ Deutschlands, ein hochmodernes Distributionszentrum errichtet.

Konrad Zuse (li.) und Konrad Duden
Konrad Zuse (li.) und Konrad Duden

Seit 1951 finden jeden Sommer in der im Jahr 1761 bei einem Brand zerstörten Stiftskirche die überregional bekannten Bad Hersfelder Festspiele statt, weshalb die Stadt auch das „Salzburg des Nordens“ genannt wird. Die Stiftsruine bietet eine hervorragende Kulisse für Theaterstücke und Musicals. Die Bad Hersfelder Festspiele besuche ich seit etwa 15 Jahren – nicht jedes Jahr, aber fast. So standen bisher unter anderem Shakespeares „Sommernachtstraum“, Molières Komödie „Amphitryon“, Schillers „Jungfrau von Orléans“, Goethes „Faust I“ und „Faust II“ mit Rufus Beck als Mephisto und viele andere Klassiker auf dem Programm. Auch begeisterten mich die Aufführungen der Musicals „West Side Story“, „Les Misérables“ oder das legendäre „Jesus Christ Superstar“, für die die Stiftsruine als Kulisse geradezu prädestiniert ist.

Stiftsruine in Bad Hersfeld
Stiftsruine in Bad Hersfeld

Für die Spielzeiten von 2015 bis 2018 konnte Dieter Wedel als Intendant verpflichtet werden. Wir besuchten in diesem Jahr das Musical „Cabaret“, das bereits 2015 auf dem Festspielprogramm stand. Die Premiere der Wiederaufnahme in diesem Jahr fand am 12. August statt, weshalb wohl auch Dieter Wedel in der Reihe vor uns saß. Helen Schneider in der Rolle des Conférenciers und Bettina Mönch als Sally Bowles überzeugten beide mit ihrer Stimme und Darbietung. Überhaupt war „Cabaret“, das ich zum ersten Mal sah, so ganz anders als jedes andere Musical, das ich kenne: schrill, schräg und schrullig, aber beeindruckend. Als ich Herrn Wedel am Ende, der mir beim Verlassen der Ruine entgegen kam, sagte: „Sehr schöne Inszenierung, Herr Wedel, hat mir gut gefallen“, antwortete er mit strahlenden Augen: „Das freut mich, das freut mich sehr“.

Bad Hersfeld, wie gesagt, ist eine Reise wert. Wer sich für Kultur, Kunst und Kulinarik interessiert, kommt allemal auf seine Kosten. Wer jedoch mit Hund reist, erlebt so einiges, wenn er seinen Appetit – den eigenen, nicht den des Hundes – stillen möchte. Während wir in Stern*s Restaurant (ja, so schreibt es sich laut Website) nicht nur hervorragend gegessen haben und unser Terrier Filou selbstverständlich willkommen war, hieß es im Restaurant Rossa, das abends mit einer „Bistro-Karte“ aufwartet, Hunde seien im Restaurant „verboten“. Genau gegenüber, auf der anderen Seite des Kurparks, befindet sich das Hotel Am Kurpark. Im Restaurant des Hotels war es kein Problem, dass Filou dabei war. Das Pikante an der Sache: Inhaber aller drei gerade genannten Häuser ist ein und dieselbe Familie Kniese.

Im Kurpark dampft es gewaltig.
Die Magische Quelle, die den Dampf versprüht.
Die Magische Quelle, die den Dampf versprüht.

 

 

 

 

 

Wer Bad Hersfeld besucht, sollte die Gelegenheit wahrnehmen, über Land nach Eisenach zu fahren und die Wartburg zu besuchen. Auf dem Weg nach Eisenach beeindruckt die Abraumhalde Monte Kali der K+S AG bei Heringen (Werra). Die K+S AG, früher Kali und Salz AG, ist der größte Salzproduzent der Welt. Die Strecke nach Eisenach führt über pittoreske Dörfer mit alten Fachwerkhäusern, über hügelige Straßen, deren Belag noch aus DDR-Zeiten stammt, durch dichte Wälder und grüne Wiesenlandschaften.

Monte Kali in Heringen
Monte Kali in Heringen

In Eisenach selbst fiel uns die vergleichsweise hohe Zahl der Bettler auf, die mit ihren Bittschriftzetteln auch durch Cafés und Gasthäuser liefen und jeden Gast ansprachen. Warum ist das erwähnenswert? Weil sie deutlich zahlreicher in Erscheinung traten als in jeder anderen Stadt, die ich bisher gesehen habe. Alle paar Meter bietet ein Stand die obligatorische wohlduftende Thüringer Bratwurst an – da kriegt man garantiert Appetit! Zufällig entdeckten wir „Die Manufaktur“, wo Eis und Pralinen noch von Hand hergestellt und frisch geröstete Kaffeespezialitäten aus Erfurt verkauft werden. In der gläsernen Manufaktur direkt hinter dem Verkaufsladen können interessierte Leckermäulchen den Konditoren und Eisköchen über die Schulter schauen.

Die Wartburg in Eisenach
Die Wartburg in Eisenach

Die Wartburg ist ab dem Parkplatz durch einen relativ kurzen, aber recht steilen Fußweg zu erreichen. Der prachtvolle und gut gepflegte Bau beeindruckt. Dass die Führung durch die Räumlichkeiten und der Zutritt zur Sonderausstellung “Luther und die deutsche Sprache“ nur ohne Hund möglich sind, kann ich nachvollziehen, dass Hunde das einzige Café auf der Wartburg nicht betreten dürfen, befremdet uns. Nach kurzem Aufenthalt im völlig überfüllten Burghof steigen wir wieder ab – eine Herausforderung für die Knie, aber … „wir schaffen das“.

Auf der Rückfahrt beschließen wir, einer Empfehlung nachzugehen und in Göbel’s Schlosshotel „Prinz von Hessen“ in Friedewald essen zu gehen. Doch dieses Vorhaben ließ sich nicht umsetzen: Einerseits war der Empfang nicht besonders freundlich, andererseits durften auch dort Hunde das Restaurant nicht betreten. Bis wir dies jedoch erfuhren, wurden wir sage und schreibe vier Mal gefragt, ob wir Hausgäste des Hotels seien. Nach unserer Erfahrung dort werden wir wohl nie in die Verlegenheit kommen, es zu werden. Ich kann durchaus verstehen, dass Restaurants, die mit einem oder mehreren Michelin-Sternen ausgezeichnet sind, Hunde nicht akzeptieren. Nicht jeder Gast ist ein Tierfreund. Aber alle Restaurants, die wir während unseres Aufenthalts in und um Bad Hersfeld besuchen wollten und die den Zutritt für Hunde verweigern, waren **keine** Sterne-Restaurants, sondern „ganz normale“ (Gast-)Häuser.

Übrigens: Unsere absolute Hotelempfehlung für Hersfeld-Besucher mit und ohne Hund: das Hotel Haus am Park. Ein gut geführtes Hotel in ruhiger Lage mit schönen, geräumigen Zimmern mit Balkon oder direktem Zugang zum wunderschönen Garten und einem ganz tollen Frühstückbuffet. Der überaus freundliche und hilfsbereite Empfang durch das Ehepaar Schmidt, der individuelle Service und die vielen kostenlosen Extras wie zum Beispiel Kaffee, Tee und Kuchen an der Kaffeebar in der Lobby sind sehr erfreulich. Hunde sind nicht nur willkommen, sondern kosten auch nicht extra und … werden von der Hauskatze problem- und reglos akzeptiert.

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Unübersetzbare Wörter? Kein Problem für den Profi! http://www.ruesterweg.de/2016/07/unuebersetzbare-woerter-kein-problem-fuer-den-profi/ http://www.ruesterweg.de/2016/07/unuebersetzbare-woerter-kein-problem-fuer-den-profi/#comments Wed, 13 Jul 2016 16:27:53 +0000 http://www.ruesterweg.de/?p=2466 „Unübersetzbare Wörter? Kein Problem für den Profi!“ weiterlesen]]> Briefkasten 2Wo der Laie denkt, man brauche ja nur in einem Wörterbuch nachzuschlagen oder ein automatisches Übersetzungsprogramm zu bemühen, weiß der Profi-Übersetzer: Wörter und Wendungen lassen sich nicht  immer 1:1 übersetzen. Außerdem hat jeder Übersetzer seine … „Spezialwörter“, denen er am liebsten nicht begegnet.

Dass Sprache lebt und sich dem Zeitgeist, den Vorlieben mancher Bevölkerungs- und/oder Altersgruppen und auch der technischen Entwicklung anpasst, ist eine Binsenweisheit. Und dass die französische Sprache – wenn es nach den Entscheidern ginge – vor Anglizismen und anderen sprachlichen Einflüssen bewahrt werden, ja gänzlich ohne diese „Unwörter“ auskommen soll, ist auch nichts Neues. Über das Reinheitsgebot der französischen Sprache hatte ich bereits vor einiger Zeit geschrieben.

Worum es mir heute geht: Jede Sprache wartet mit Wörtern auf, die schwer in die eine oder andere Fremdsprache zu übersetzen sind. Klar, das Wörterbuch nennt Entsprechungen. Wer sich aber in der Zielsprache zu Hause fühlt, weiß: Nein, das passt nicht hundertprozent – und wenn nur eine kleine Nuance fehlt. Oft empfindet der eine das so, während ein anderer der Meinung ist, das fremdsprachliche Pendant sei völlig in Ordnung. Das ist eben Sprache. Und genau da zeigt sich, wer ein guter Übersetzer ist. Denn je nach Kontext führt der Weg nur über Umschreibungen – und die müssen genau sitzen.

Meine Beispiele entnehme ich selbstverständlich aus meinem Sprachpaar Deutsch <> Französisch …

Gemütlich. Die Hütte, die Couch ist gemütlich. Das war gestern so schön gemütlich bei euch. Wir machen einen gemütlichen Spaziergang.

Das ist noch eines der einfachen Fälle. Das Wörterbuch schlägt confortable, convivial vor. Aber passt das immer? Bon, le sofa est confortable, d’accord. Man sitzt bequem darauf, aber bei der Hütte fängt es schon an. Sie ist mehr als nur confortable. Bei euch war es auch mehr als nur „convivial“, on se sentait à l’aise, comme chez nous, c’était bien, nous avons passé une agréable soirée … Aber ein Wort, um all das auszudrücken?

Mehr oder weniger regelmäßig, insbesondere im Sommerloch, wenn nicht gerade die Fußball-EM oder die Olympischen Spiele stattfinden, wird diese Frage auch von deutschen Zeitungen thematisiert. Doch nicht alle genannten mutmaßlich unübersetzbaren Wörter sind es tatsächlich. Warum? Weil sich die Autoren dieser Artikel mit einem ganz anderen Blickwinkel auf solche Wörter stürzen. So wird hier unter anderem Fremdschämen genannt. Avoir honte pour quelqu’un d’autre. Wo ist das Problem? Oder: Fingerspitzengefühl haben? Avoir du doigté. Geht doch. Weiteres Beispiel: Sie hat Kummerspeck angelegt? Elle doit ses rondeurs au chagrin. Natürlich streitet man sich in dem einen oder anderen Forum, ob rondeurs besser ist als bourrelets. Also ich persönlich wäre schon beleidigt, wenn meine Rundungen als bourrelets bezeichnet würden. 😉

Übrigens gefällt es mir sehr, wenn in den Foren über diesen oder jenen Begriff diskutiert wird, zeigt es doch, dass man sich damit auseinander setzt, darüber nachdenkt und versucht, den richtigen Begriff, die passende Formulierung zu finden.

In oben genanntem Artikel wird auch verabreden angeführt. Das ist ja mal überhaupt kein Problem im Französischen: prendre rendez-vous, fixer un rendez-vous. Auch die Schnapsidee findet in der idée saugrenue ihr Pendant. Gut, da geht der Schnaps verloren, aber Schnapsideen entstehen auch ohne Hochprozentiges. Und wer meint, die fremdsprachliche Entsprechung von Schnapsidee müsste unbedingt das Wort Schnaps enthalten, der moniert wahrscheinlich auch, dass dem Zieltext im Vergleich zum Ausgangstext 17 Wörter fehlen. Einen ähnlich falschen Ansatz bietet das Video zu diesem Artikel. Hier behauptet der Autor unter anderem, dass es kein Wort für Zungenbrecher im Englischen gibt, und führt dennoch tongue twister an. Klar, er erkennt die Zunge, was ihm missfällt ist, dass sie „getwistet“ und nicht gebrochen wird. Übersetzerprofis denken in anderen Kategorien.

Zurück zum eigentlichen Thema: Der Brückentag kommt eigentlich aus der französischen Wendung faire le pont. Scheinheilig hat eine ganze Reihe von Entsprechungen, angefangen bei d’un air doucereux bis hin zu avec une mine de sainte nitouche.

Schwieriger wird es zum Beispiel mit Fernweh. Und selten liegen die gängigen Wörterbücher und automatischen Übersetzungsprogramme so daneben: avoir la bougeotte (GT), ha ha, selten so gelacht. Envie de courir le monde (Pons), passt nur, wenn ich zum Beispiel sage, dass er/sie ständig von Fernweh geplagt ist. Und Langenscheidts Vorschlag envie des pays lointains ist nicht brauchbar, wenn ich sage, dass die Ausstellung über die Provence Fernweh in mir geweckt hat. Fazit? Der Übersetzer muss den Kontext genau erspüren und sich in die Situation hineinversetzen. Der Profi kann das. Ihm bereitet das Übersetzen der immer wieder als unübersetzbar hingestellten Wörter Schadenfreude, Weltanschauung, Ohrwurm, innerer Schweinehund usw. auch keine Schwierigkeiten – Wer sagt denn, dass 1 deutsches Wort mit nur 1 französischen Wort übersetzt werden soll? Wer gut übersetzt, denkt in der Zielsprache situativ. Wer für 1 Wort in der Sprache A immer nur 1 Wort in der Sprache B sucht, ist 1. kein Profi und 2. kein guter Übersetzer.

Ebenfalls knifflig sind Wörter und Wendungen, die alles und nichts und zudem noch alles Mögliche und Unmögliche bedeuten (können). Beliebtes Beispiel in der Sprachkombination FR > DE ist gérer. Il faut gérer les conflits, gérer la nervosité de cet enfant, gérer les désistements aux inscriptions … Oft passt Umgang, umgehen mit, aber leider nicht immer. Wenn der Küchentischübersetzer die im Lexikon erstgenannte Übersetzung wählt, dann fragt sich der Leser des Zieltextes womöglich, wie man die Nervosität eines Kindes verwalten kann. Vielleicht mit einer Excel-Tabelle?

Weiteres Beispiel, das in Geschäftsunterlagen häufig vorkommt: challenger les objectifs. Die Ziele wurden erreicht, prima, dann muss man sie eben höher setzen (challenger), denn nur Fortschritt bringt uns weiter. Nicht einfach in kurzen Worten wiederzugeben. Oder auch la performance – von Leistung bis Produktmerkmal ist (fast) alles drin. Und wenn wir schon dabei sind: l’excellence opérationnelle – auch sehr schön! Und: valoriser les résultats. Ha ha! Außerdem darf ich les délivrables nicht vergessen …

Zwei weitere aus dem sog. Marketingsprech nicht wegzudenkende Wörter sind erleben und Erlebnis. In manchen Werbeunterlagen kommt man kaum noch zum Durchatmen: Erlebnishungrige kommen nach Karlsruhe, man soll in einem Museum Faszination erLeben (sic), die Stadt hautnah erleben, möglichst im Erlebnisbad die wahre Freude erleben … Vor lauter Erlebnis stockt einem der Atem.

Angesichts solcher Formulierungen hilft nur eines: sich gänzlich vom Ausgangstext lösen und gedanklich in die fremdsprachliche Welt eintauchen, sich fragen, wie ein Franzose (in meinem Beispiel) das sagen würde und kontextbezogene Lösungen finden – das geht schon in Richtung Transkreation … Ein Übersetzerprofi kann das! Oder wie mein Kollege Thomas Saalfeld einmal sagte: „Das ist halt die Excellence in unserer Arbeit. Man denke nur an die Ausschüttung von Glückshormonen, wenn man eine tolle Formulierung gefunden hat, von deren komplizierter Entstehungsgeschichte der Kunde nicht die blasseste Ahnung hat. Ich empfinde daher die Übersetzertätigkeit als sprachlich schöpferische Arbeit und nicht als die Suche nach Entsprechungen, je nach Textsorte unterschiedlich ausgeprägt.“ Genau so ist es!

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