Versuch’s wenigstens

Einst wollte er die Welt erobern. Gestartet war er wie ein feuriger Tiger, gelandet jedoch als glanzloser Bettvorleger. Die Mühe hätte er sich doch sparen können – oder? Nein! Denn wer es nicht wenigstens versucht, hat schon verloren. Gedanken zum inneren Antrieb …

Zwei kleine unerschrockene Labormäuse aus alten Trickfilmzeiten meiner Kindheit machen es vor. Jeden Abend fragt die rein körperlich größere Maus Minus (in der englischen Originalversion Pinky genannt) die viel kleinere, aber schlauere und unternehmungslustigere Maus Cortex (The Brain, das Gehirn): „Dis, Cortex, tu veux faire quoi cette nuit ?“ („Gee Brain, what are we gonna do tonight?“), worauf Cortex mit furchterregendem Gesichtsausdruck und bedrohlich-tiefer Stimme antwortet: „La même chose que chaque nuit, Minus, essayer de conquérir le monde …“ („The same thing we do every night, try to take over the world!“). Sie scheitern zwar jedes Mal kläglich, aber sie lassen sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen, sondern versuchen es weiter. Denn jedes Mal sind sie nach ihrem Versuch um eine Erfahrung reicher.

Scheitern gehört dazu

Wer nicht scheitert, hat seine Grenzen nie ausgereizt, hieß es in einem Handelsblatt-Artikel vom Januar 2012, in dem es um Innovation im Konzern 3M ging. Ganz abgesehen davon, dass Menschen, die nie scheitern, weil sie nie ihre Komfortzone verlassen, meiner Meinung nach ein tristes Dasein fristen. Wer als Laufneuling vor dem Loslaufen denkt, er könne keine 500 Meter laufen, hat schon verloren. Wenn Sie dennoch starten und 400 Meter schaffen, können Sie stolz sein auf Ihre Leistung. Sind Sie gescheitert? Nein, denn Sie haben den inneren Schweinehund überwunden und wissen: „Beim nächsten Mal schaffe ich die 500 Meter!

Genau so verhält es sich mit vielen anderen Dingen im Leben, vielleicht sogar mit den meisten. Die junge Lea sagte mir kürzlich: „Ich gebe mein Chemiestudium auf und mache eine Ausbildung als Lacklaborantin. Die zwei Semester waren verlorene Zeit …“. Wieso das denn? Die zwei Semester waren eine Erfahrung fürs Leben und die Studieninhalte eine ideale Basis für die künftige Ausbildung.

Wer hat uns Menschen – und vielleicht den Deutschen in etwas ausgeprägterer Form – eingetrichtert, Scheitern sei schlimm und als persönliche Niederlage zu sehen? Quatsch! Streichen Sie dieses Wort aus Ihrem aktiven Wortschatz. Es gibt Misserfolge, das eine oder andere geht daneben, läuft schief – na und? Probieren Sie es eben noch einmal. Hingefallen? Aufstehen, Krönchen richten, weiterlaufen. Wenn jedes Kleinkind nach dem ersten Hinfallen nie einen zweiten Versuch macht, wird es nie laufen können.

Varenna, Italien

Ängste überwinden

Ganz entscheidend für die Lebenserfahrung ist das Verlassen der eigenen Komfortzone, um neue Wege zu gehen. Klar: Mut und Eigeninitiative zeigen kosten Überwindung. Und der eine oder andere Weg kann beschwerlich sein, steil, der Boden unbefestigt.
Wer mich ein wenig kennt und meine Blogposts verfolgt, wird bei dem folgenden Beispiel nicht überrascht sein. Wenn ich im Kontakt mit (jüngeren) Übersetzern das Wort Akquise ausspreche, höre ich „das geht nicht, das klappt nicht … Ach, ich telefoniere nicht gerne, das kostet Zeit, ich habe eine Rundmail verschickt, es kam aber keine Antwort …“. Komfortzone hat etwas mit festgefahrenen Methoden und Denkmustern, mit Bequemlichkeit und Trägheit zu tun, aber vor allem mit Ängsten – mit der Angst zu scheitern. Was ist, wenn mir nach wenigen Sekunden Telefonat gesagt wird „wir brauchen keine Übersetzungen“ (1)? Was ist, wenn ich nach meiner Qualifikation gefragt werde und ich sagen muss, dass ich Quereinsteiger bin (2)? Was ist, wenn ich meinen Preis nenne und mein Gesprächspartner meint, das sei ja „viel zu teuer“ (3)? Na und?!!!

  1. Die Firma, die Sie angerufen haben, „benötigt keine Übersetzung“? Bedanken Sie sich höflich. Sie glauben doch nicht, dass gleich der erste oder zehnte Anruf zur Goldgrube führt?! Betrachten Sie es als Akquise-Gymnastik, als Aufwärmprogramm, als Lockerungsübung für Ihre Strategie, Argumente, Formulierungen und Gelassenheit – und als Ansporn fürs Weiterversuchen.
  2. Sie sind Quereinsteiger? Prima. Schildern Sie die Vorteile Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn. Sie haben vielleicht jahrelang in einem Konzern gearbeitet, sich dort mit dem Fachgebiet xy besser vertraut gemacht, als Sie es in einem Kurs im Übersetzungsstudium hätten machen können. Sie waren vielleicht im Ausland tätig und beherrschen die gefragte Sprache. Seien Sie selbstbewusst – das spürt Ihr Gesprächspartner.
  3. Man sagt Ihnen, Ihr Preis sei zu hoch? Antworten Sie nicht unfreundlich. Vergessen Sie nicht, dass man sich immer zweimal im Leben trifft. Außerdem: Eine sachliche und souveräne Haltung zeugt von Professionalität. Sagen Sie nicht: „Gut, dann mache ich es eben für 50 Taler statt 100“ oder „Was halten Sie denn für angemessen?“. Sie sind dann erstens nicht glaubwürdig in Bezug auf Ihre Preispositionierung und zeigen zweitens, dass Sie schnell nachgeben, ohne Ihren Preis zu begründen. Und antworten Sie auf keinen Fall, dass Sie ja schließlich davon leben müssen und Übersetzer immer schlecht bezahlt werden usw. Sie wollen doch keine Almosen! Gedanken für Ihre Preisargumentation finden Sie im Wissenswinkel (English version also available).

Angst vorm Telefonieren? Pah! Sie können das! Üben Sie Akquise-Anrufe mit einer Freundin oder einem Freund. Belegen Sie ein Telefonseminar. Und hier mein ultimativer Tipp: Hospitieren Sie mal 1-2 Tage in einem Laden, der Produkte verkauft, mit denen Sie (rein gedanklich) „so gar nichts anfangen“ können, also Produkte, die in Ihren Augen recht schwer zu verkaufen sind. Also **nicht** in einem Shop für Veganer, wenn Sie Veganer sind. 😉 Noch besser: Hospitieren Sie bei einem Straßenpropagandisten, der versucht, den vorbeieilenden Menschen eine popelige Gemüsereibe aus Plastik für 19,99 € zu verkaufen – den Spülschwamm gibt es gratis dazu. Schauen Sie sich seine Verkaufstechniken an und versuchen Sie Ihr Glück – Sie haben nichts zu verlieren. Kleine Anekdote am Rand: Als wir klein waren, haben mein jüngerer Bruder und ich oft ein Spiel gespielt, das mit der Frage begann: „Was willst du später werden?“ Und jeder versuchte, die abstruseste Tätigkeit zu erfinden, wie zum Beispiel: Verkäufer von Schneepflügen in der Wüste, und dann erklärten wir einander, wie wir es anstellen würden, das Produkt zu verkaufen.

Am eigenen Hosenboden packen

Wie Kevin Hendzel treffend in seinem umfangreichen Artikel „Creative Destruction Engulfs the Translation Industry: Move Upmarket Now or Risk Becoming Obsolete” geschrieben hat, wird sich die translation industry weiter verändern. Manche mögen Kevins Ausführungen für übertrieben oder plakativ halten. Aber: Manches muss übertrieben werden, um verstanden zu werden. Und manche Dinge können gar nicht oft genug wiederholt werden.

Deshalb bin ich felsenfest davon überzeugt, dass niemand, der seinen Lebensunterhalt mit Übersetzen & Co. bestreiten will und muss, es sich leisten kann, sich in seiner Komfortzone einzumauern. Gut bezahlte Aufträge fallen einem schon heute nicht wie gebratene Täubchen ins Maul. Die Debatte darum, wie man sich spezialisieren kann, worauf am besten, wie tief usw., will ich an dieser Stelle nicht führen, sondern dieses Themenfeld für einen anderen Artikel vorsehen.

Mir geht es hier um etwas anderes: Ganz egal, was Ihr Wunsch oder Ihr Ziel ist – wenn Sie es nicht wenigstens versuchen, können Sie hundertprozentig sicher sein, dass Sie ihn nie erfüllen bzw. das Ziel nie erreichen werden. Try it, auch wenn es über den Weg „try and fail“ geht – wir sind doch nicht aus Pappe! Oder mit anderen Worten: try and fail, but don’t fail to try.

Abschließend noch eines meiner Lieblingsgedichte:

„It Couldn’t Be Done“ von Edgar Albert Guest (1881-1959)

Someone said that it couldn’t be done
But he with a chuckle replied
That “maybe it couldn’t,” but he would be one
Who wouldn’t say so till he’d tried.

Somebody scoffed: “Oh, you’ll never do that;
At least no one ever has done it;”
But he took off his coat and he took off his hat
And the first thing we knew he’d begun it.

There are thousands to tell you it cannot be done,
There are thousands to prophesy failure,
There are thousands to point out to you one by one,
The dangers that wait to assail you.

But just buckle in with a bit of a grin,
Just take off your coat and go to it;
Just start in to sing as you tackle the thing
That “cannot be done,” and you’ll do it.

(*) Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird das generische Maskulinum verwendet.

3 Gedanken zu „Versuch’s wenigstens“

  1. Liebe Giselle,
    vielen Dank für deinen Artikel. Ich bin erst seit sehr kurzer Zeit aus der Festanstellung (nicht als Übersetzerin) in die Freiberuflichkeit gewechselt und mir scheint die Spezialisierung tatsächlich DER wesentliche Punkt überhaupt zu sein, wenn man ordentliche Preise erzielen möchte. Neulich erhielt ich eine Anfrage für die Übersetzung eines Prüfberichtes FR-DE. Ich habe den Bericht gut verstehen können, obwohl Französisch keine meiner Arbeitssprachen ist. Da ich jedoch im Deutschen mit technischen Prüfberichten nicht vertraut bin, musste ich ablehnen. Ich bin sehr gespannt auf deinen Bericht zur Spezialisierung, denn das ist ein Thema, was mich gerade umtreibt.
    Herzliche Grüße,
    Julia

    1. Liebe Julia,
      vielen Dank für deine nette Rückmeldung.
      Ja, Spezialisierung ist das A und O. Ich habe schon einiges zu diesem Thema geschrieben. Suche im Suchfeld (rechts) einfach nach Spezialisierung, da findest du sicher ein paar interessante Ansätze.
      Viel Erfolg und viel Freude auf deinem Weg!
      Herzliche Grüße
      Giselle

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