Juristen- und Behördensprech …

oder die Kunst, Einfaches kompliziert zu formulieren. Juristen und Ärzte sind sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bestrebt, die zur Gruppe der „Normalbürger“ zählenden Zuhörer und Leser nicht nur im Unklaren zu lassen, sondern sie gänzlich zu verwirren. Auch Behörden gelingt dieses Unterfangen mühelos. Sie möchten das auch können? Nichts leichter als das! Hier ein Kurzworkshop für Sie …

Wer wie ich schon früh ein Faible für die juristische Sprache entwickelt hat, ist ob der Formulierungs- und Wortschöpfungstalente, die im Juristengehirn schlummern, um im passenden Moment – quasi ständig – zur Entfaltung zu gelangen, voller Bewunderung. So entstehen zuweilen Wörter, auf die Otto-Normaldenker nie gekommen wären. Oder gehört etwa der Begriff Ausantwortung zu Ihrem normalen Sprachgebrauch, wenn Sie sich nicht beruflich mit Juristensprache befassen? Sie vermuten, dass damit die erschöpfende Beantwortung einer Frage gemeint ist? Aber nein, das wäre viel zu einfach. „Ausantwortung ist ein seit dem Mittelalter gebräuchlicher Begriff der Rechtssprache mit der Bedeutung ‚übergeben, aushändigen‚. [Darunter] versteht man die Herausgabe von Geld oder anderen Sachwerten an den Berechtigten, etwa bei Liquidation eines Vereins (§ 51 BGB) oder im Erbrecht die Herausgabe des Nachlasses durch den Nachlasspfleger an den Erben (§ 1986 BGB) …“, so die Erläuterung bei Wikipedia.

Ludwig Reiners „Stilfibel – der sichere Weg zum guten Deutsch“ wurde Juristen schon vor über dreißig Jahren empfohlen. Reiners Aufforderung nach klaren Sätzen formuliert der Autor zum Beispiel so: „Der Schaden ist groß: Das ist ein klarer Satz. Wer nicht den Mut hat, sich entschieden auszudrücken, schreibt stattdessen: Es wird mitgeteilt, dass mit der Entstehung eines nicht unbeträchtlichen Schadens zu rechnen sein dürfte.“

Klare Sätze? Pah, viel zu langweilig, meinen wir (Pluralis majestatis). Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Wie Sie aus eindeutigen knackigen Formulierungen wunderbar kompliziertes Behördensprech machen, das in geeigneten Ohren wie Poesie klingt, lernen Sie hier in meinem kurzen, kostenlosen Workshop. Auf geht’s!

 

 

Ausgangstext (erster Satz eines Briefs, den ich vor etwa 2 Jahren bekam): Vielen Dank für Ihren Brief. Für die Antwort müssen wir erst mit Herrn Maier sprechen.

Schritt 1: Erklären Sie präzise, worum es geht. Schließlich darf der Leser zum Beispiel nicht in die Irre geleitet werden und denken, Sie würden sich für einen anderen Brief bedanken.

Besten Dank für das im oben angegebenen Betreff genannte Schreiben vom [Datum].

Schritt 2: Machen Sie aus einem einfachen Satz einen Haupt- und Nebensatz.

Um Ihre Frage zu beantworten, müssen wir erst mit Herrn Maier sprechen.

Schritt 3: Ersetzen Sie Verben nach Möglichkeit durch Substantive.

Zur Beantwortung Ihrer Frage müssen wir erst mit Herrn Maier sprechen.

Schritt 4: Spicken Sie den Text mit passiv klingenden Formulierungen und sog. Dopp-Mopp-Wendungen (abgeleitet von „doppelt gemoppelt“).

Für das im oben angegebenen Betreff genannte Schreiben vom [Datum] gilt Ihnen unser Dank. Die Beantwortung der von Ihnen formulierten Frage kann erst nach Durchführung einer erforderlichen Rücksprache mit Herrn Maier erfolgen.

Schritt 5: Anonymisieren Sie den Text, um zu vermeiden, Ross und Reiter eindeutig zu nennen.

Für das im oben angegebenen Betreff genannte Schreiben vom [Datum] gilt Ihnen unser Dank. Die Beantwortung der von Ihnen formulierten Frage kann von den Unterzeichneten erst nach Durchführung einer erforderlichen Rücksprache mit dem fraglichen Mandanten erfolgen.

Schritt 6: Würzen Sie Ihr Werk mit überflüssigen Adjektiven, Partizipien u. dgl.

Bezug nehmend auf das im oben angegebenen Betreff genannte Schreiben vom [Datum] gilt Ihnen als Verfasser desselben unser verbindlicher Dank. Die Beantwortung der im vorgenannten Schreiben von Ihnen formulierten Frage wird von den Unterzeichneten erst dann erfolgen können, wenn eine hierzu erforderliche und unsererseits als unverzichtbar erachtete etwaige Rücksprache mit unserem Mandanten erfolgt sein wird.

Schritt 7: Wiederholen Sie abschließend unbedingt Schritt 4 und 6 und fügen Sie überflüssige Details hinzu.

Bezug nehmend auf das im oben angegebenen Betreff genannte Schreiben vom [Datum] gilt Ihnen als Verfasser desselben unser verbindlicher Dank für die Unterbreitung der von Ihnen formulierten Rückfrage. Die Beantwortung der im vorgenannten Schreiben von Ihnen vorgebrachten Frage wird in alsbaldiger Erledigung der Angelegenheit von den Unterzeichneten umgehend erfolgen können, sobald die hierzu erforderliche und unsererseits als unverzichtbar erachtete etwaige Rücksprache mit unserem derzeit auf einer Dienstreise im Ausland befindlichen Mandaten erfolgt sein wird.

Übrigens: Sinnvoll ist die Übung vor allem in umgekehrter „Richtung“ … zur Bereinigung angestaubter Texte.

5 Gedanken zu „Juristen- und Behördensprech …“

  1. Habe mich köstlich amüsiert – quäle mich gerade selbst mit einer Übersetzung aus dem Englischen, deren Verfasser mindestens mal bis Schritt 6 alle Anweisungen befolgt haben.

    1. In meinem Kommentar fehlt tatsächlich das Objekt, die Übersetzung mache ich ja… Es geht natürlich um einen Text – wie immer 😉

    2. Ha ha, der Verfasser hat wahrscheinlich meinen Workshop durchgearbeitet – den biete ich schon Jahrzehnte an. 😉
      Viel Erfolg!

  2. Und (wenn es sich um einen englischen Juristen handelt) nicht vergessen: auf keinen Fall irgendwelche strukturierenden Satzzeichen (Kommata o. ä.) innerhalb des Satzes verwenden: diese könnten fehlinterpretiert werden, daher lässt man sie besser weg, auch wenn der Satz zwei Seiten lang ist. Lesen ist dann nur noch mit Textmarkern in mindestens fünf Farben möglich.

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