Unwichtige Wörter kosten nichts

Nicht jeder weiß, wie Übersetzungsleistungen berechnet werden. Diese Wissenslücke sei jedem zugestanden, und wir Profis klären gerne ausführlich auf. Aber wie kommt jemand auf die Idee, dass in einem Text Fachbegriffe mehr, wichtige Wörter weniger und Verbindungswörter gar nichts kosten? Eine Geschichte aus dem wahren Leben …

English translation by Heather McCrae – thank you so much, Heather.

 

Lieber Interessent,

ich habe mich sehr über Ihre Anfrage gefreut, zeigte sie mir doch neue Einsparpotenziale im Hinblick auf meine Kostensituation. Vorab will ich betonen: Es ist überhaupt keine Schande, dass Sie nicht wissen, wie Übersetzungsleistungen berechnet werden. Schließlich weiß ich auch nicht, wie ein Bäcker seine Brötchen oder ein Friseur einen Haarschnitt kalkuliert.

Sie benötigen die Übersetzung eines Textes und warnen freundlicherweise vor den Fachbegriffen, die er aufweist. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, denn ich hätte mich eventuell trotz meiner 40-jährigen Erfahrung (in Worten: vierzig) erschrecken können. Sie nennen als Fachgebiet Vertragsrecht. Wunderbar! Eines meiner Lieblingsfachgebiete.

Nun haben Sie die berechtigte Frage nach dem Preis gestellt. Schließlich – und das meine ich keineswegs ironisch – muss man wissen, worauf man sich einlässt. Allerdings fragen Sie:

  • was die Übersetzung der Fachbegriffe kostet,
  • wie viel die Übersetzung der „wichtigen Wörter“ kostet,

und Sie erwähnen, dass „Verbindungswörter wie ‚und/oder/weil‘ ja sicher nicht berechnet werden“.

Ganz abgesehen davon, dass dem Übersetzer der Text immer vorliegen muss, bevor er sich zum Preis äußern kann, war ich zunächst ratlos angesichts dieser Aufschlüsselung. Doch dann entwickelte ich gleich mehrere Lösungen, die ich Ihnen hier gerne vorschlage.

  1. Sie könnten die Fachbegriffe in eine erste Excel-Tabelle und die sog. wichtigen Wörter, die nur Sie ermitteln können, in eine zweite Excel-Tabelle packen und mir diese Listen zusenden. Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass insbesondere die Herren der Schöpfung ausgesprochen gerne mit Excel arbeiten, so dass ich Ihnen hier gerne entgegen kommen möchte. Ich würde dann die französische Übersetzung neben der deutschen Originalversion einfügen und Ihnen die beiden Excel-Tabellen zurücksenden. Sie müssten dann lediglich für die tatsächlich übersetzten Wörter bezahlen. Ist das ein gangbarer Weg für Sie? Das Einfügen der französischen Fachbegriffe und der wichtigen Wörter in Ihren Text kann sicher ein Praktikant oder Auszubildender in Ihrer Firma übernehmen – das ist kein Hexenwerk, wenn Sie ihm vorher den Text so aufbereiten, dass die Fachbegriffe zum Beispiel mit grünem und die wichtigen Wörter mit gelbem Leuchtmarker hervorgehoben werden.
  2. Eine zweite Möglichkeit wäre, dass Sie tatsächlich den Text für mich farbig aufbereiten (also Fachbegriffe mit grünem und wichtige Wörter mit gelbem Leuchtmarker hervorheben), und ich setze dann jeweils die französischen Entsprechung ein. Den Rest lasse ich dann gemäß Ihrer Vorgabe unberührt.

Beide Lösungen sagen Ihnen nicht zu? Das tut mir leid.

Ach so, Sie brauchen den kompletten Text in französischer Sprache, es sollen aber nur die Fachbegriffe und die wichtigen Wörter für die Berechnung zugrunde gelegt werden? Als Grund für dieses Ansinnen führen Sie an, dass „Verbindungswörter wie ‚und/oder/weil‘ usw.“ ja in jeder Sprache ohnehin dazugehören und keine Schwierigkeiten bereiten. Aha. Interessante Sichtweise.

Mhh, aber Sie bringen mich auf eine gute Idee. Wie Sie wissen, bin ich Französin, und Franzosen sind keine Hühner, will sagen: keine Körnerfresser. Wenn ich morgen beim Bäcker meine zwei Brötchen kaufe, werde ich ihm vorschlagen, statt der 70 Cent pro Stück doch nur 56 zu bezahlen, denn die Körner, die am Brötchenoberteil haften, dienen ja lediglich der Verzierung und ich entferne sie ohnehin, bevor ich mir das Brötchen schmecken lasse. Ich bin gespannt, ob er auf den Deal eingeht. Immerhin würde ich runde 100 Euro im Jahr einsparen.

Und da ich demnächst einen Nassraum im Keller neu fliesen lassen will, werde ich dem Fliesenleger ans Herz legen, bei seinem Quadratmeterpreis doch bitteschön die Ecken, Sockelleisten und Verbindungsteile zu den Sanitärgegenständen, Rohren u. dgl. aus seiner Kalkulation zu nehmen. Ich werde sicher viel Geld sparen.

Ebenso werde ich in meinem italienischen Lieblingsrestaurant Geld sparen, denn mein Lieblingsgericht (Seezunge Müllerin), das mein Lieblingskoch Alberto auf geniale Weise zaubert, wird immer mit Kartoffeln und Broccoli kredenzt. Sie müssen wissen: Ich hasse Broccoli. Ja, Sie haben Recht, Broccoli ist extrem gesund, aber ich mag ihn trotzdem nicht. Also gehen die zwei Broccoliröschen jedes Mal mit dem ansonsten leergeputzten Teller zurück in die Küche und wandert mit Sicherheit – shame on me – in den Abfalleimer. Ich werde Roberto, das ist Albertos Bruder, der den Service macht, einfach sagen, dass ich statt der 24,90 Euro für das komplette Gericht künftig 2,90 Euro für den Broccoli abziehe. Nein, den Broccoli gleich wegzulassen, ist für den genialen Koch Alberto keine Alternative, schließlich ist dieser leuchtendgrüne Farbklecks Teil der Tellerkomposition. Dank Ihrer Anregung kann ich auf diese Weise gut und gerne mal 100 bis 120 Euro im Jahr einsparen.

Leider sind wir in unserem Haus mit Möbeln gut ausgestattet, und auch in puncto Klamotten sind wir mehr als gut versorgt. Aber dennoch werde ich einigen mir bekannten Herstellern von Möbeln und Kleidung den Vorschlag unterbreiten, ihre Produkte ohne Schrauben bzw. ohne Nähte und Knöpfe zu liefern. Soll doch der Kunde die Schrauben selbst besorgen – schließlich wimmelt es überall von Baumärkten. Und wer nicht nähen kann, bringt die unfertigen Klamotten zur Änderungsschneiderin – die will ja auch leben.

Ich bin sicher, dass sich Ihr Konzept des Produkt- und Leistungsminimalismus bald in allen Branchen durchsetzen wird. In Zeiten schärfer werdender Wettbewerbsbedingungen wird das der Knaller! Deshalb empfehle ich Ihnen – und da erkennen Sie meine Fairness – sich diese Idee gleich patentieren zu lassen. Ach, übrigens, die „Übersetzungserfordernis“ für Patente ist zwar neu geregelt worden, allerdings „muss der Patentinhaber jedoch noch während einer Übergangszeit von bis zu 12 Jahren (bis 2025) eine englische Übersetzung des europäischen Patents vorlegen, wenn die Verfahrenssprache vor dem EPA Deutsch oder Französisch ist, und eine Übersetzung des europäischen Patents in einer der EU-Amtssprachen vorlegen, wenn die Verfahrenssprache vor dem EPA Englisch ist“ (Quelle: https://www.epo.org/law-practice/unitary/faq_de.html#faq-632).

Ich kann Ihnen aber ggf. gerne entsprechende kompetente Kollegen empfehlen!

Was hier wie eine witzige Anekdote aus meiner Fantasie klingt, ist tatsächlich als Anfrage in meinem Mailkasten gelandet. Im Übrigen ist die Vorstellung, allgemeinsprachliche Wörter in Fachtexten und/oder Leerzeichen sollten nicht berechnet werden, offensichtlich keine Seltenheit, wie mir einige Kollegen bestätigten. Dies sei, so die Kollegen, wohl in der „Unwissenheit darüber, dass keine Worte übersetzt werden“, begründet. Hier könnte ich ein anderes Fass aufmachen und sagen: Selbstverständlich übersetzen wir Worte. Und Wörter. Denn viele Wörter sind Worte. Und so weiter … 😉

Zur Ergänzung hier noch einmal für alle, die Übersetzungsleistungen benötigen, zwei Infoquellen:

Info aus meiner Feder: Wie werden Übersetzungsleistungen berechnet

Info-Broschüre des ADÜ Nord: hier zum Download.

Und selbstverständlich stehen wir, Übersetzerinnen und Übersetzer, gerne zur Verfügung, um Fragen aller Art rund ums Übersetzen zu beantworten.

 

(*) Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird das generische Maskulinum verwendet.

 

12 Gedanken zu „Unwichtige Wörter kosten nichts“

  1. Köstlich dieser Artikel!!! Na dann werden wir mal sehen wie das alles in Zukunft klappen wird ob für Übersetzungen oder im Restaurant, beim Bäcker, usw. Vielleicht kann mein Friseur mir die Haare waschen und fürs nicht notwendige trockenföhnen $10 abziehen!? Ich habe also mal schön gegrinst! Vielen Dank für die Anregung, you made my day! Bonne fin de semaine!

  2. Oder: „ich lasse dann die unwichtige Wörter einfach heraus, und Sie entscheiden selber, wo sie wieder dahingehören“?

  3. super 🙂
    so wie man auch die Leerzeichen im Text nicht zu zählen braucht, die ja „nur“ der Übersichtlichkeit dienen 😉

  4. Köstlich! Das erinnert mich an einen Kunden, der nicht für die Bezugsziffern in Patentansprüchen bezahlen möchte, da diese ja nicht übersetzt werden.

    1. Auch gut! In einer Diskussion kamen wir vorhin noch auf die Idee, die mathematischen Zeichen in Formeln wegzulassen. 😉

  5. Liebe Giselle,

    dem ist wahrlich nichts weiter hinzuzufügen.
    Ich werden Deinen Vorschlag bei meinem nächsten Restaurantbesuch mal testen. Mal sehen, was herauskommt! 😉

    Wie immer danke für Deine Anregungen!

    Gruss
    Susanne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.