Nachruf auf Jürgen Jordan

Am 26. Dezember 2016 erreichte mich die traurige Nachricht, dass Jürgen Jordan an diesem Morgen verstorben sei. Er hat für unzählige Übersetzer und Dolmetscher ein großes hilfreiches Glossar erarbeitet, das er unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat.

Auf meinen Streifzügen durchs Internet fand ich Mitte 2012 eine Funker-Website, auf der unter zahlreichen Links eine PDF-Datei eingebunden war. Da im langen Dateinamen die Wörter „Glossar“, „Deutsch“ sowie „Französisch“ enthalten waren, war meine Neugierde geweckt. Was ich vorfand, war beeindruckend: ein sehr umfangreiches und hervorragend recherchiertes Glossar zu unterschiedlichen Fachgebieten wie Technik, Informatik, Internet, Physik, Funkwesen und vielen anderen – damals rund 35.000 Einträge je Sprachrichtung.

Ich nahm per Mail Kontakt mit Jürgen Jordan, dem Urheber des Glossars, um ihn um die Genehmigung zu bitten, dieses auf meinem Blog Rüsterweg einzubinden. Die Antwort kam sehr schnell: selbstverständlich, er freue sich, wenn sich jemand für seine Arbeit interessiere.

Im Laufe der Jahre hat Jürgen Jordan, der am anderen Ende Deutschlands lebte, mit selbstlosem Engagement sein Werk gezielt für uns Übersetzer weiterentwickelt. Irgendwann begannen wir, uns telefonisch auszutauschen, und der ältere Herr erzählte mir von seinen Recherchen in Unibibliotheken und im Internet, die mindestens zweimal jährlich in eine Aktualisierung des Glossars mündeten, die er mir dann schickte, damit ich diese in der Fundgrube auf Rüsterweg einbinde. Es freute ihn ungemein, dass seine Arbeit für uns Übersetzer nützlich war und ist. Jürgen Jordan betonte stets, dass er kein Übersetzer, sondern Ingenieur sei. Er sprach und schrieb ausgezeichnet Französisch – mit allen grammatikalischen und lexikalischen Feinheiten.

In Mails und am Telefon sprachen wir über Gott und die Welt, wie es so schön heißt: Grammatikalische Spitzfindigkeiten, die nur 5 % der französischen Muttersprachler beherrschen, und Erläuterungen zu technischen Fragen, die er mit großem pädagogischem Geschick vermittelte, gehörten ebenso zum Themenspektrum wie Tipps, wie welker Kopfsalat wiederzubeleben sei, oder Erzählungen aus seiner Zeit in Frankreich oder von seinen 120 km langen Touren auf seinem Rennrad. Wir konnten ausgiebig und mit großem gegenseitigen Respekt darüber diskutieren, ob der Ausdruck „automatische Regelung“ (einer Heizung) und die Wendung „miteinander kommunizieren“ in die Kategorie der weitverbreiteten Pleonasmen gehörten oder nicht. Es war einfach herrlich, und mir werden diese Telefonate fehlen.

Ich werde die Gespräche mit Jürgen Jordan sehr vermissen und bedaure sehr, dass ich keine Gelegenheit hatte, mich von ihm zu verabschieden. Wir alle zollen ihm und seiner Arbeit Anerkennung, Respekt und Dank. Ruhen Sie in Frieden, lieber Jürgen, wir werden Sie nicht vergessen. Wie sang Trude Herr? „Niemals geht man so ganz …“

Mein Mitgefühl gilt seiner Tochter Kerstin.

8 Gedanken zu „Nachruf auf Jürgen Jordan“

  1. Jürgen war in den späten 60er Jahren mein Mathematik- und Physiklehrer am Gymnasium Lehrte. Er war ein unheimlich engagierter Lehrer und ich erinnere mich an die vielen Nachmittage in der Elektronik-Arbeitsgemeinschaft, in der er interessierten Schülern nach der Schule die Möglichkeit gab, elektronische Kenntnisse zu erwerben, die über den Inhalt der Schulphysik hinausgingen. Ende der 60er Jahr nimmt er mich dann mit nach Wolfsburg, wo eine große Ausstellung von „Jugend Forscht“ stattfand. Ich war total begeistert und meine Begeisterung für Physik wurde noch mehr gestärkt. Er war damals schon Amateurfunker und hat in mir damals den Funken für die Leidenschaft des Amateurfunks entfacht, so daß ich dann 1971 auch Amateurfunker wurde, ein Hobby, das mich über 30 Jahre fasziniert hat. Nach dem Abi habe ich dann studiert (Mathe und Physik, was sonst) und bin dann in der Prüfung wieder auf ihn gestoßen, da er einer meiner Prüfer im Fachbereich Physik Lehramt war.
    Danach haben wir uns dann für einige Jahre aus den Augen verloren, und 2015 wiedergefunden, da wir nur ein paar Ortschaften auseinander wohnten. Wir haben uns dann 2015 und 2016 verabredet und uns getroffen und aus alten Tagen geplaudert als er noch mein „Pauker“ und ich sein „Schüler“ war. Zu diesem Zeitpunkt ging es ihm gesundheitlich schon sehr schlecht, und er wusste um seine schlechten Chancen, er hat da auch ganz offen drüber gesprochen. Wir haben dann öfters Kontakt gehabt und als ich Anfang 2017 auf meine emails plötzlich keine Antwort mehr bekam, habe ich schon befürchtet, was ich heute nun im Internet gefunden habe: Jürgen (DL3OBK) ist in der Amateurfunkersprache nun ein „silent key“ (sk).
    Ich denke immer, daß es wichtig ist, daß man in seinem Leben etwas hinterlässt, sei es Musik, seien es Kinder, seien es Leute, die man glücklich gemacht hat oder denen man sonst in irgendeiner Weise etwas Gutes gegeben hat.
    Jürgen hat dies an vielen Stellen getan. Er hat mein Leben seit meiner Schulzeit positiv beeinflusst, und ohne ihn wäre es sicher ganz anders verlaufen. Er hat mein Interesse für Mathematik , Physik und die Naturwissenschaften mit geweckt und mit dafür gesorgt, daß ich (und viele andere Schüler und Studenten) zu dem geworden sind, was sie sind. Dafür gebührt ihm Anerkennung und Dank !
    Mein Mitgefühl gilt seiner (mir nicht näher bekannten) Tochter Kerstin.

    1. Vielen Dank für diese Zeilen. Ja, Spuren zu hinterlassen, das ist wohl wichtig. Und das hat Jürgen ganz sicher getan.
      Ihnen alles Gute.

  2. Ich bin Johannes und seit einigen Decaden mit Jürgen befreundet. Ich durfte ihn begleiten bis zu seinem letzten Weihnachtsfest.
    Ich bin zutiefst berührt, was sie, Giselle, für beeindruckende Worte zum Tode meines Freundes gefunden haben. Auch die liebevollen Kommentare habe ich gern gelesen.
    Es tut gut zu erfahren, dass dieser sympatische Mann mit seiner Liebe zur französischen Sprache und Lebensart in ihrem Kreise diesen Widerhall erfärt. Es wird ihn sehr freuen.
    Unsere Verbindung war der Amateurfunk. Wir sind Mathematiker – das war unsere Sprache.
    Ich danke ihnen allen für ihr Gedenken und ihnen, Giselle, für ihren Nachruf.
    Nutzen sie sein Glossar und geben sie es weiter –
    dies ist die grösste Freude für Jürgen Jordan.

    1. Lieber Johannes,
      herzlichen Dank für Ihre Worte. Es war mir einfach ein Bedürfnis, diesen Nachruf zu schreiben. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Jürgens Glossar nutze, und so geht es vielen meiner Kolleginnen und Kollegen, auch wenn nicht alle hier kommentieren.
      Wir sind ihm zutiefst zu Dank verpflichtet.
      Aber noch mehr denke ich an die schönen Telefonate, die wir geführt haben. Das werde ich nie vergessen.

  3. Liebe Giselle,
    auch ich möchte mein Mitgefühl für Jürgens Familie hier zum Ausdruck bringen. Ich kannte ihn nicht persönlich, wohl aber sein unglaubliches Glossar, das wirklich etwas ganz Besonderes ist.
    Herzliche Grüße,
    Sabine

  4. Liebe Giselle,
    ich kannte Herrn Jordan nicht, aber durch deinen warmherzigen Nachruf wurde mein Interesse geweckt, mir sein ausgearbeitetes Glossar anzusehen.
    Seiner Tochter Kerstin gilt mein herzliches Beileid und wie du geschrieben hast „Niemals geht man so ganz…..“
    Herzliche Grüße,
    Karin Guta

  5. Danke Giselle für diese Info und danke Jürgen für diese unglaubliche, selbstlose und sprachlich wunderbare Arbeit! Ich schließe mich deinem Mitgefühl für die Verwandten an! Chapeau bas, Monsieur Jordan!

  6. Eine traurige Nachricht. Im Studium, Anfang der 2000er, bin ich das erste Mal mit dem Glossar in Berührung gekommen und war damals schon schwer beeindruckt.

    Vielen Dank, Herr Jordan, für Ihre Arbeit. Danke, Giselle, für den Nachruf.

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