Unterwegs als Botschafterin für die Translation Industry

Wenn ein großes Unternehmen seine Stammübersetzerin zum alljährlichen Lieferantenempfang einlädt, dann ist das schon eine kleine Auszeichnung. Wenn die Übersetzerin dann auch noch vor etwa 120 geladenen Gästen einen Vortrag über die „Qualität in der Übersetzungsleistung“ halten darf, dann ist das eine tolle Gelegenheit.

Einer meiner Stammkunden, mit dem ich bereits über 25 Jahre zusammenarbeite, veranstaltet jedes Jahr im März einen Empfang für seine wichtigsten Lieferanten. Dazu zählen namhafte Firmen wie Degussa, BASF, Lanxess, Wacker-Chemie, Telekom, ThyssenKrupp, Still, Fuchs, Brother, Samsung, Wabco, Bosch, Siemens und viele andere. Vertreten wurden die Firmen durch ihre Verkaufsleiter oder deren Stellvertreter sowie durch Produktleiter, Qualitätsverantwortliche u.a. (jeweils auf Deutschland- oder D-A-CH-Ebene). Unter den etwa 120 geladenen Gästen waren übrigens fast so viele Frauen wie Männer – auch eine interessante Beobachtung.

Thema des diesjährigen Events: Quality first. Die Veranstaltung begann um 14 Uhr mit einer Begrüßung und Einführung in das Thema durch den Geschäftsführer, es folgte dann ein hochinteressanter Vortrag über Qualität und Nachhaltigkeit, anschließend war ich an der Reihe, mit wertschätzenden Worten wurde ich vom Geschäftsführer vorgestellt.

Als ich zum Rednerpult ging, bemerkte ich, wie sich recht viele Herren auf ihrem Sitz zurücklehnten und deren Mimik nicht gerade vermittelte, dass sie mit Spannung auf „dieses“ Thema gewartet hatten. Na wartet, dachte ich. Euch krieg‘ ich noch mit ins Boot.

Die Schwerpunkte, auf die ich ausführlich einging, waren folgende (Passagen in Anführungszeichen geben meine Worte sinngemäß wieder):

Ja, übersetzen muss man lernen, ggf. studieren. Es ist ein Lernprozess, es gehört Übung dazu, auch wenn es nur um allgemeinsprachliche Dinge geht. Dolmetschen auch. Und übrigens: Übersetzer und Dolmetscher machen nicht „denselben Job“ (habe ich kurz erläutert, ansonsten bin ich nicht aufs Dolmetschen eingegangen).

Ja, Übersetzerprofis sind in der Regel spezialisiert, manche sogar hochspezialisiert. Sie vertiefen ihre Fachkenntnisse, bilden sich weiter, suchen den Kontakt zu Fachleuten aus dem jeweiligen Fachgebiet usw. Ein paar Beispiele aus dem Vertragswesen, der Reifentechnik, dem Bereich Finanzwesen und Elastomere zeigten Wirkung: Einige der zurückgelehnten Herren setzen sich gerade und spitzten die Ohren.

„Klar, Übersetzungen sind Budgetfresser, und da kann man doch sicher sparen – oder, meine Damen und Herren?“ (nicht wenige nickten). „Wenn auf einer Speisekarte im Ausland „extrem hübsche Hasenbeine“ angeboten werden, finden das die meisten lustig. Wenn Billigübersetzungen nicht nur peinliche Pannen wie die des chinesischen Riesenkonzerns Alibaba Group, dessen deutschsprachige Website von der FAZ 2014 als ‚größter Sprachunfall der Geschichte‘ bezeichnet wird, wenn also Übersetzungsfehler ein Sicherheitsrisiko darstellen, ist allerdings das Ende der Sparvernunft erreicht. Bei technischen Unterlagen zu Maschinen und Fahrzeugen, Berechnungen in Konstruktionsplänen u.ä. Texten ist ein „Sparen am Übersetzer“ fehl am Platz. Stellen Sie sich vor, dass aufgrund eines Übersetzungsfehlers ein Schaden an einem Flugzeugtriebwerk entsteht oder aber der Airbag eines in Serie gefertigten Autos im Bedarfsfall nicht ausgelöst wird und deshalb eine kostspielige Rückrufaktion durchgeführt werden muss …“. Ein Raunen ging durch die Reihen, spätestens da hörten alle sehr aufmerksam zu.

Als jemand in der zweiten Reihe seinem Nachbarn sagte, nicht jedes Unternehmen habe das Budget für hochbezahlte Dienstleister, ging ich sofort darauf ein: „Stimmt. Aber wenn ich nicht genug Geld für den Spitzen-Coiffeur habe, zu dem die Promis gehen, möchte ich trotzdem einen ordentlichen Haarschnitt haben und suche mir nicht gerade den billigsten, sondern erkundige mich …“. Und außerdem gibt es Mittel und Wege, einen guten Dienstleister zu finden: Empfehlungen bei Partnerfirmen einholen, aber auch Mitgliederlisten von Fachverbänden wie dem BDÜ (und da muss ich leider sagen, dass nur wenige den BDÜ kannten, was sich beim späteren Smalltalk bestätigte).

Ob es nicht egal sei, welche Person am Ende den Text übersetzt, fragte ein Teilnehmer, Hauptsache, er oder sie beherrsche die Sprache, um die es ginge. Ich konterte mit einer Frage: „Ist es egal, zu welchem Zahnarzt Sie gehen? Oder welchem Kindergarten Sie Ihr Kind anvertrauen? Oder in welche Werkstatt Sie Ihren Wagen bringen?“. Der Mann schüttelte den Kopf, und ganz viele Frauen, wahrscheinlich Mütter, auch. Ich ergänzte: „Übersetzen ist Profi-Arbeit. Qualifikation, Wissen, Fachwissen und Erfahrung des Übersetzers stellen sicher, dass die Übersetzung sprachlich und fachlich einwandfrei bei Ihnen eintrifft. Darauf müssen Sie sich als Auftraggeber zu 100 Prozent verlassen können. Wenn Sie länger, sogar über Jahre hinweg, mit ein und demselben Übersetzer zusammen arbeiten, kennt er Ihre Texte, Ihre Fachterminologie, den Style Guide, den Stil, in dem Ihre Firma kommuniziert. Und wenn ihm in einem englischen Text etwas Spanisch vorkommt, meldet er sich bei Ihnen oder korrigiert es direkt, weil er ja weiß, dass hier im Originaltext etwas schief gelaufen ist. Ihr Stammübersetzer liefert Ihnen genau die Qualität, die Sie haben wollen. Mit der Zeit kennt „Ihr“ Stammübersetzer Ihre Unternehmenskultur, er wird Teil Ihrer Unternehmensstruktur und denkt bei der Bearbeitung Ihrer Texte wie ein „interner“ Mitarbeiter. Er ist das fehlende Puzzleteil, das mit Ihnen dazu beiträgt, Ihren Kunden zufrieden zu stellen. Das ist Gold wert – unbezahlbar. Denn schließlich geht es um das Image Ihres Unternehmens und damit um die Wertschätzung, die Sie Ihren Kunden gegenüber haben.“

Als der Einwurf einer Dame kam, Agenturen stellten aber sicher, dass der gewünschte Liefertermin immer klappt, fragte ich nach, ob man denn in dem Unternehmen immer mit der Qualität zufrieden sei. „Na ja, mal so, mal so“, antwortete die Dame, so richtig falsch sei ja nichts, aber … Ich entgegnete, dass Agenturen den Übersetzer beauftragen, der gerade Zeit hat, der freie Kapazitäten hat, und das ist halt nicht immer derselbe. OK, die Terminologieliste werde meist mitgeliefert, aber jeder Übersetzer habe eben seinen eigenen Stil.

Ich fragte nach, ob jemand, der regelmäßig eine Agentur beauftragt, verraten würde, wie hoch der Wort- oder Zeilenpreis sei. Da meldete sich eine Dame mit „24 Cent für technische Texte bei einem Jahresvolumen von ca. 80.000 Wörtern“, ein Herr mit „36 Cent für juristische Texte“. Ich fragte in die Runde, ob jemand weiß, wie viel der Übersetzer, der die eigentliche Leistung erbringt, davon bekommt. 60-70 % meinten einige, einer sagte „die Hälfte“. Wir diskutierten diese Frage, und ich hob noch einmal auf die Vorteile der direkten Beziehung zwischen Übersetzer und Endkunde, den ich „Textnutzer“ nannte, ab und sagte: „Wie wäre es, wenn Sie sich Ihren ureigenen Stammübersetzer heranziehen, ihn auch ausbilden, mal einladen, ihm die Produktion zeigen, die Arbeitsprozesse erläutern … und ihm statt der 24 Cent in der Anfangsphase vielleicht 18, dann 20 ct. zahlen. Bei einem Jahresvolumen von 80.000 Wörtern sparen Sie 4.800 bzw. 3.200 Euro im Jahr. Und Sie haben einen direkten Ansprechpartner, der sich für Sie voll engagiert“. Hier brachte ich natürlich eines meiner Lieblingsthemen ins Gespräch: die Vorteile von Rahmenverträgen mit dem Übersetzer.

Natürlich kamen auch Vorbehalte, ob denn ein Einzelübersetzer, zu dem man direkten Kontakt hat, überhaupt gewährleisten könne, ein Jahresvolumen von 80.000 oder mehr Wörter zu schaffen bzw. seine Kapazitäten zu binden u. dgl.; dass Firmen auch mit Krankheitsphasen von Einzelkämpfern konfrontiert seien; dass es generell schwierig sei, den „richtigen“ Übersetzer zu finden usw. Ich erklärte, dass wir Profi-Übersetzer auch oft in relativ festen Zweier- oder Dreierteams arbeiten, so dass eine(r) der Kolleg(inn)en – die mit der Materie ebenso vertraut sind – in der Regel einspringen kann, wenn es wirklich mal „brennt“ – auch wenn wir eigentlich keine Zeit haben, krank zu werden.

Da die Zeit, die mir einberaumt worden war, längst überschritten war, schloss ich mit zwei Parallelen. Die erste formulierte ich als rhetorische Frage: „Sicher sind hier im Saal einige, die aus beruflichen Gründen umgezogen sind. Wie lang haben Sie gebraucht, um in der für Sie neuen Stadt den richtigen Zahnarzt, den richtigen Bäcker, die richtige Autowerkstatt zu finden? Es ist immer ein Prozess, bis man den richtigen Dienstleister findet, aber der direkte Weg ist immer der kürzere.“ „Wir alle freuen uns jetzt auf das Buffet, das ich da hinten sehe … Das Internet ist voll von Koch- und Backrezepten. Aber nicht alle Menschen sind in der Lage, auch wenn sie guten Willens sind, die Rezepte so umzusetzen, dass am Ende die Rindsroulade oder der Apfelkuchen „so richtig gut wie bei Muttern“ schmeckt. Geben Sie Ihrem Übersetzer eine Chance, für Sie als Direktkunden der richtige Partner zu sein!“

Alles in allem habe ich den Eindruck, dass die Zuhörer hochinteressiert waren. In den Smalltalk-Gesprächen wurde ich regelrecht mit Fragen überrollt (ich kam kaum dazu, meine Häppchen zu kauen). Am stärksten war die Befürchtung zu spüren, dass man an einen „recht unwissenden Nebenjobber“ geraten könnte („Agenturen garantieren doch, dass sie nur Fachleute an der Hand haben, oder?“) oder dass die Liefertermine nicht eingehalten werden könnten. Am Ende hieß es etliche Male: „Darf ich Sie kontaktieren, Frau Chaumien, wenn ich noch Fragen habe, wenn ich nicht weiter komme …?“. Aber selbstverständlich. Ich bin davon überzeugt, dass ich einige zum Nachdenken gebracht habe. Und das ist gut so.

21 Gedanken zu „Unterwegs als Botschafterin für die Translation Industry“

  1. Liebe Giselle,
    Ich bin eine angehende Juristin und seit 20 Jahren juristische Übersetzerin. Es ist schon erstaunlich, dass Kunden wirklich meinen dass Agenturen nur professionelle Übersetzer einstellen.. nach meiner Erfahrung sieht die Praxis ja eher anders aus, deshalb ist Ihr Beitrag für unserer Position als (Direkt)Übersetzer sehr wichtig… Auch fand ich den Vergleich mit dem Zahnarzt sehr zutreffend. Vielen Dank 🙂

    1. Herzlichen Dank, liebe Andrea.
      In meinen 35 Jahren Berufserfahrung habe ich immer wieder festgestellt, dass Firmenkunden Agenturen einfach mehr Vertrauen schenken. Natürlich gibt es auch gute, seriöse Agenturen, aber es gibt auch die vielen anderen.

  2. Ein sehr interessanter Artikel, liebe Giselle. Ich freue mich, dich als Botschafterin für unsere Branche zu haben. Dein Vortrag hat sicherlich einiges bewirkt, und der Artikel regt auch zum Überlegen an, was man sonst in Richtung Öffentlichkeitsarbeit machen könnte. Es muß ja nicht gleich in so großem Stil sein wie dein Vortrag.

    1. Vielen Dank, liebe Jane.
      Absolut richtig, man kann auch in kleinen Kreisen etwas bewirken – nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein.

  3. Liebe Giselle,

    vielen Dank für diesen interessanten Artikel – und prima, dass du die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf das Thema „Risiken sicherheitsrelevanter Übersetzungen“ gelenkt hast. Ich glaube, das ist ein ziemlich dickes Brett, das wir da noch zu bohren haben…

    Herzliche Grüße
    Carmen Canfora

    1. Hallo Carmen,
      vielen Dank für dein Feedback. Ja, ich glaube, das Thema ist vielen Kunden gar nicht so bewusst.
      Herzliche Grüße
      Giselle

  4. Liebe Giselle,

    vielen lieben Dank für deinen Einsatz! Es ist schön zu sehen, dass du die Möglichkeit nutzt, unseren Berufsstand in die Öffentlichkeit und besonders zu so wichtigen Firmen zu tragen.

    Herzliche Grüße
    Annina

    1. Liebe Annina,
      danke für deinen positiven Kommentar. Ja, es wäre schade gewesen, die Gelegenheit abzuschlagen (obwohl die Einladung recht kurzfristig bei mir eintraf).
      Herzliche Grüße
      Giselle

  5. Liebe Giselle, dieser Beitrag ist wirklich äußerst interessant und außerdem sehr gut geschrieben. Ich freue mich sehr, dass Du dich so sehr für unsere Branche einsetzt.
    Liebe Grüße
    Bettina

  6. Wie gut, dass du diese seltene Gelegenheit beim Schopfe ergriffen hast! Ein Problembewusstsein überhaupt erst mal zu wecken, ist ja schon ein entscheidender Schritt auf dem Weg.

    Interessant auch zu lesen, welche Meinungen über das Vorgehen von Agenturen herrschen – der Übersetzungsprozess ist eben für allzu viele noch eine Art Black Box, aus der mit Glück (!) ein akzeptables Ergebnis herauskommt. Dass der Kunde selbst dafür an einigen Rädern drehen kann und eben nicht auf sein Glück angewiesen ist, muss noch viel bekannter werden!

    1. Danke, liebe Susanne.
      Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass der „Wert“ oder die Wertschätzung der Dienstleistung „Übersetzung“ nicht so (an)gesehen wird wie zum Beispiel die Lieferung von Rohstoffen, Schmieröl oder Druckern. Und unseren (potenziellen) Kunden *das* zu erläutern und mit Beispielen, die sie nachvollziehen, zu untermauern – das ist unsere Herausforderung.
      Herzliche Grüße
      Giselle

  7. Liebe Giselle,

    eigentlich sollten die Berufsverbände deine PR für die Branche in irgendeiner Form honorieren. Ich mache es heute derart, dass ich auf deinen Blogpost von der FB-Seite des BDÜ hinweise und verlinke!
    P.S.: Am Bekanntheitsgrad unseres Verbandes arbeiten wir weiter! 😉

    1. Lieber André,
      ich freue mich, wenn mein Einsatz die Zuhörer, in dem Fall potenzielle Direktkunden, ein wenig zum Nachdenken angeregt hat und in der Folge die Direktbeauftragung des einen oder anderen Kollegen zum Ergebnis hat. Das war das Ziel.
      Danke für die Verlinkung.
      Und ja, ihr solltet mal eine breit angelegte Kampagne mit Zielgruppe „Unternehmen“ machen. 🙂

  8. Liebe Giselle,

    ich bin von Ihrem Einsatz für unseren Beruf und von diesem Artikel begeistert.
    Vielen herzlichen Dank dafür!

    Beste Grüße,
    Sandra

  9. Liebe Giselle,
    ein toll geschriebener Artikel und ganz herzlichen Dank, dass Du Dich so für die Branche einsetzt. Dein Vortrag wird sicherlich den meisten Zuhörern neue Anregungen gegeben haben, von denen wir letztlich alle profitieren. Zugern hätte ich mit unter den Zuhörern gesessen und Mäuschen gespielt….;-)!

    Gruss
    Susanne

    1. Herzlichen Dank, liebe Susanne. Ich fand es interessant, während meines Vortrags die Entwicklung der Mimik der Zuhörer zu beobachten. 😉
      Herzliche Grüße
      Giselle

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