Kernenergie – Frankreich unter Druck

Atommeiler Philippsburg nahe Karlsruhe

Im Juli 2015 beschloss auch Frankreich den Umstieg auf nachhaltige Energiequellen. War das lediglich ein politisches Signal vor der Pariser Klimakonferenz im Dezember letzten Jahres? Vor dem Hintergrund erneuter Schlagzeilen zum grenznahen Atomkraftwerk Fessenheim und des Gedenkens an die Opfer der Fukushima-Katastrophe vor ziemlich genau fünf Jahren ein aktueller Brennpunkt.

Die Assemblée Nationale, das französische Parlament, hat im Sommer 2015 ein Gesetz verabschiedet, nach dem die Versorgung durch Strom aus der Kernenergie innerhalb der nächsten zehn Jahre um die Hälfte gesenkt, der Ausstoß von Treibhausgasen deutlich reduziert sowie mehr Strom aus erneuerbaren Quellen produziert werden soll. Diese ehrgeizigen Ziele wurden beschlossen, nachdem im Januar 2015 der Bau neuer Atomkraftwerke in Frankreich angekündigt worden war, weil die bestehenden AKW uralt sind: Etwa die Hälfte der 58 französischen AKW erreicht im nächsten Jahrzehnt die Laufzeitgrenze von 40 Jahren.

Anfang März erfuhr man nun von einem älteren Störfall im AKW Fessenheim nahe der deutschen Grenze, der damals nicht publik gemacht wurde und die umliegende Bevölkerung diesseits und jenseits des Rheins verständlicherweise beunruhigt. Die französische Atomaufsicht habe den Vorfall vom 9. April 2014 gegenüber der Internationalen Atomenergiebehörde heruntergespielt, teilten die Medien letzte Woche mit. Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) erklärte, dass das Schreiben des ASN damals im Internet veröffentlicht worden sei. Er glaube daher nicht an eine Vertuschung des Vorfalls. Nun soll, so der französische Präsident François Hollande und seine Umweltministerin Ségolène Royal die Abschaltung von Fessenheim für Ende 2016 bestätigt haben, da es Verzögerungen beim Bau eines Reaktors der neuen Generation, der erst 2018 in Betrieb gehen soll, gegeben habe. Ob das Datum „Ende 2016“ tatsächlich belastbar ist, wird sich zeigen. Untersteller  zeigt sich jedoch skeptisch ob der vielen Terminzusagen, die in der Vergangenheit kursierten. Die rheinland-pfälzische Energieministerin Eveline Lemke (Grüne) fordert allerdings auch die Überprüfung des AKW Cattenom, das etwa 50 Kilometer von Trier im französischen Lothringen liegt.

Kernenergie ist auch heute noch die wichtigste Energiequelle in Frankreich. Ihr Anteil am Primärenergieverbrauch belief sich in den Jahren 2010 bis 2012 auf rund 40 %, so die Daten von statista.  Dass Frankreich auf Kernenergie setzt, geht auf den Ölschock der 1970er Jahre zurück; man wollte die Abhängigkeit vom Erdöl verringern und die Versorgungssicherheit der Bevölkerung erhöhen, das Ganze zu wettbewerbsfähigen Preisen, was bisher – objektiv gesehen – gelungen ist: Nach den jüngsten Eurostat-Erhebungen zahlte ein mittelgroßer Haushalt in Frankreich 2014 durchschnittlich 17,5 Cent je Kilowattstunde, während es in Deutschland 29,7 Cent waren.

Im Vergleich zu den meisten Deutschen haben die Franzosen interessanterweise mehrheitlich keine Probleme mit der Atomenergie, sie sehen sie als sauberen Energieträger an und freuen sich über vergleichsweise niedrige Strompreise.

Eine (schon 2010, also vor Fukushima) durchgeführte Umfrage in den OECD-Ländern ergab, dass für die Befragten die zwei wichtigsten Aspekte im Zusammenhang mit der Energiepolitik ihres Landes, alle OECD-Mitglieder zusammen betrachtet, zum einen die niedrigen Energiepreise (45 %) und zum anderen die Versorgungssicherheit (35 %) waren. Der Umweltschutz kam mit 29 % lediglich auf Platz 3. Nach der Kernenergie befragt, meinten 69 % der Umfrageteilnehmer (OECD-Level), dieser Energieträger verringere die Abhängigkeit ihres Landes von Importen, 50 %, dass dadurch günstige und zeitstabile Strompreise sichergestellt seien, und 46 %, dass die Kernenergie dazu beitrage, die Klimaerwärmung zu begrenzen.

Regelmäßige, in Frankreich durchgeführte Umfragen ergeben auch seit 2011, dass die Wirtschaftskrise im Land, in Europa und weltweit das besorgniserregendste Thema mit Auswirkung für den Einzelnen ist. Fragt man allerdings nach den größten Bedrohungen für die Welt (unter Ausklammerung von Terrorismus), sehen 93 % der Franzosen die Erderwärmung auf Platz 1 (wobei übrigens nur 63 % der Meinung sind, diese sei auf menschliche Handlungen zurückzuführen), gefolgt von der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen mit 45 % und Wassermangel mit 30 %.

44 % der Franzosen mit insgesamt wenig Kenntnissen zum Thema Energie allgemein bzw. 71 % der Franzosen mit guten Kenntnissen zum Thema Energie sind für die Atomenergie (21 % bzw. 54 % dagegen). Quelle: http://www.sfen.org/fr/le-blog-des-energies/les-francais-et-le-changement-climatique. Und dennoch scheint sich in der breiten Bevölkerung insbesondere seit den Atomunfällen und -zwischenfällen der letzten Jahre ein Umdenken einzunisten: „Franzosen haben eine schizophrene Beziehung zur Nuklearenergie“, schrieben die Medien Ende Dezember 2015. Das trifft es ziemlich genau.

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