Facebook: wundersame Parallelwelt

Ohne Internet ist die heutige Welt nicht mehr vorstellbar – eine Binsenweisheit, die bei näherem Reflektieren dennoch erschreckend ist. Damit einher gehen sog. social media, deren Wirkung und Auswüchse nachdenklich stimmen. Facebook – zwischen Sucht und Zeitvertreib, die wundersame Parallelwelt.

Im Januar 2012 habe ich meinen Blog Rüsterweg ins Leben gerufen. Ich hatte mich maßlos über die grottenschlechte Übersetzung der ersten Fassung von Steve Jobs Biografie geärgert. Doch was nützt es, seinem Ärger in einem Text Luft zu machen, wenn ihn (kaum) jemand liest? Ich entschloss mich, Rüsterweg auf die Beine zu stellen. Gesagt, getan.

Und dann? Das Baby musste bekannt werden. Gut. Nur wie? Wenn es nichts kosten soll, geht so etwas nur über social media, sprich Facebook und Twitter. Also habe ich mir im Februar 2012 eigens zu diesem Zweck einen Facebook- und einen Twitter-Account zugelegt. Twitter ist und bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Man steht auf einem Marktplatz, quakt etwas heraus, da gibt es Leute, die einem zuhören, weil sie einen „verfolgen“, andere, die das Gesagte weitererzählen, manche klopfen dir auf die Schulter und favorisieren das Gezwitscher. Und dann? Keine Ahnung. Macht aber nichts.

Facebook ist da schon etwas überschaubarer und für ältere Semester wie mich „lernbar“. Ich hatte vorher so viel Schlechtes über Facebook gehört, dass ich mich immer ferngehalten hatte. Mit Rüsterweg im Körbchen musste ich den Schritt tun – und tat ihn.

„Fremd“ wird zum Fremdwort

Am Anfang war es sehr schwer, da aus meinem „physischen“ Umfeld kaum jemand in den social media unterwegs war (das ist bis heute noch so). Meine ersten Schritte in Fachforen machte ich in einer Übersetzergruppe, die ich zufällig entdeckte. Und ich lernte, dass es ein Paralleluniversum gibt, in dem die im realen Leben übliche Zurückhaltung beim Kennenlernen komplett abgelegt wird: Man schickt einfach einer völlig fremden Person, von der man annimmt, das könnte passen, eine sog. Freundschaftsanfrage – einen Antrag auf Freundschaft, der in 99,9 % der Fälle angenommen wird. Amerikanische Wissenschaftler, so hörte ich kürzlich im Radiosender SWR, haben untersucht, dass die „ideale FB- Freunde-Anzahl bei 302 Personen liegt“ und alles, was deutlich darunter oder darüber liegt, aus diversen Gründen als unpassend empfunden würde, heißt es in der Studie. Langsam baute sich mein Facebook-„Freundeskreis“ auf, ich war zunächst überrascht, wie schnell und wie offen manche einem ihre facebookianische Freundschaft anbieten bzw. die eigene Anfrage bestätigen. Man duzt sich natürlich – what else?

Zurückhaltung und Privatsphäre ade

Schutzreflexe gegenüber „Fremden“ werden völlig ignoriert, erst recht, wenn sich herausstellt, dass man den gleichen Beruf ausübt, und die Privatsphäre wird weitgehend aufgegeben: So werden zum Teil sehr persönliche Informationen, die möglicherweise auch noch gänzlich belanglos sind, mit den 302+ Freunden geteilt: „Schaut her, ich habe mir gerade rote Laufschuhe gekauft, ein Schnäppchen“, ein Foto als Beweismittel wird beigefügt, gleich gefolgt von einem weiteren Foto des vegetarischen Nudelgerichts mit Bio-Erbsen, die selbstverständlich als lose Ware ohne Verpackung im mitgebrachten Baumwollbeutel erworben wurden (wobei ich das durchaus begrüße, aber muss das die Facebook-Welt wissen? Wohl kaum). Keine Scheu davor, jedem x-beliebigen bekannten oder unbekannten Menschen zu erzählen, dass man am Wochenende nicht zu Hause oder die nächsten drei Wochen auf Honolulu in Urlaub sein wird, so dass potenzielle Einbrecher eine sturmfreie Bude vorfinden (können). Denn schließlich können die Posts ja „geteilt“ werden, und genau da gerät die Sache außer Kontrolle. Noch bedenklicher in meinen Augen: Eltern, die Fotos ihrer Kinder posten … und sich später wundern, wenn die Fotos ihrer süßen Sprösslinge im Netz auftauchen.

Selbstdarstellung – endlich OK?

Nahezu ausnahmslos jeder wird auf seiner sogenannten Timeline zum  egomanen Selbstdarsteller. Hier nehme ich mich gar nicht aus, nicht zuletzt da mir dies auch noch quasi öffentlich bestätigt wurde. Zugegeben: Auf die „Soziopathin“ hätte ich gerne verzichtet, die Egomanie teile ich mit den allermeisten Facebookianern. Im Fratzenbuch geht es darum, wer seine gerade gekochte Marmelade, seinen selbstgestrickten Pullover oder das tollste Kuchenfoto präsentiert, wer sein Bad renoviert und an untalentierte Pfuscher statt Handwerker geraten ist, wer seinen Garten umgräbt, um Gemüse anzubauen, wessen Hund oder Katze leider über die Regenbogenbrücke gegangen ist und selbst der Tod von Angehörigen und die Geburt des Kindes werden über die blaue Parallelwelt bekannt gemacht. Ach ja, ich gebe es mit großem Bedauern zu: In meinen Facebook-Anfängen ertappte ich mich beim Kochen oder Backen dabei, gleich Fotos zu machen, um sie später zu posten, oder unterwegs auf Schreibfehler auf Speisekarten und Werbetafeln zu achten. Ich hatte damals schon über ein halbes Jahrhundert an Lebensjahren hinter mir und benahm mich … wie ein Teenager.

Reißleine gezogen

Zum Glück dauerte es nicht allzu lang, bis mir bewusst wurde, wie bescheuert das Ganze war und ist und vor allem wie viel Zeit ich damit vergeudete. Ein wenig auf die Sprünge, wenn auch auf sehr unschöne Weise, half mir eine verbale Attacke eines Kollegen in einem Fachforum, der völlig unabhängig davon sechs Wochen später eine „Fake-Mail“ aus ganz anderer Herkunft folgte. Diese Collage aus Beleidigungen und Drohungen, angeblich im Namen von einem Dutzend Leuten – nur Vornamen – habe ich zuerst gar nicht als Fake erkennen können. Zum Glück hat sich mithilfe der Experten bei der Polizei sehr schnell alles geklärt: Der (alleinige) Urheber der Mail, der übrigens überhaupt nichts mit dem Verbalangreifer zu tun hatte, sondern sich einen Account unter falschem Namen zugelegt und in diversen Fachgruppen getummelt hatte, wurde entlarvt. Trotzdem war das Ganze für mich ein echter Schock, auch weil mir von manchen öffentlich falsche Beschuldigungen u.Ä. unterstellt wurden. Inzwischen haben sich die Wogen glücklicherweise geglättet. Beide Vorfälle haben mich allerdings nachdenklich gemacht, obwohl ich dadurch auch viele sehr liebe und ermutigende Mails und Anrufe erhalten habe und erfahren durfte, wie positiv meine ehrenamtliche Arbeit im Umfeld der Übersetzertätigkeit aufgenommen wird. Dennoch: Präsent bin ich zwar immer noch, aber in stark reduziertem Maße.

Non-stop online

Ich bin davon überzeugt, dass Facebook für nicht wenige Menschen zur Sucht wird – und ich denke dabei nicht an Teenager, die sich längst von FB abwenden und ganz andere Tools wie WhatsApp und dergleichen nutzen, wie ich diese Woche im Radio hörte. Das Durchschnittsalter der FB-Nutzer in Deutschland liegt bei 39, Tendenz steigend. Da läuft ein Mensch durch seine Stadt, die Nase klebt am Smartphone, die Finger fliegen über das Display, die Antwort auf von Kollegen gepostete Fragen wird ergoogelt, die jüngsten Ereignisse („Die S-Bahn ist so voll, ich habe keinen Sitzplatz bekommen“ oder „Habe mir ein leckeres Eis mit Sahne gegönnt“ – daraufhin Kommentare wie „das hast du dir redlich verdient“) müssen unbedingt mitgeteilt werden, die Kamera wird an jeder Straßenecke und vor jedem Blümchen bemüht, die schwankenden Befindlichkeiten werden rücksichtslos vermittelt, die Erwartungen, wie viele „Likes“, die sich wie eine Belohnung im Gehirn anfühlen, und Kommentare der Thread bringen wird, sind groß. Einen Begriff für diese von manchen inzwischen als „Krankheit“ bezeichnete Manie gibt es inzwischen auch: Phubbing. Dieses Kofferwort aus den englischen Wörtern  phone und snubbing ist die Erfindung einer Werbeagentur für die pfiffige virale Marketingkampagne ihres Kunden, einen australischen Verlag für Wörterbücher.

Aus social skills wird social kill

„Wie weit verändert Facebook tatsächlich das soziale Verhalten?“, fragte Alexander Wallasch in seinem Beitrag „Das Leben in Facebook und seine Folgen“ im Januar 2013  – da war ich gerade mal ein Jahr auf FB unterwegs. Aus meiner Erfahrung: Auch mit Klarnamen benehmen sich die Menschen auf Facebook nicht selten völlig daneben. Da werden die elementaren Regeln der Höflichkeit und des Umgangs komplett ignoriert, da wird – entweder direkt oder indirekt – beleidigt, was das Zeug hält, da wimmelt es von virtuellen Schlägen, Kränkungen, Provokationen, Häme und Unterstellungen, da werden Dinge gesagt, die man seinem Gegenüber von Angesicht zu Angesicht niemals selbst in abgeschwächter Form sagen würde, da werden Hasstiraden eingestellt, die rein theoretisch von über eintausend Menschen gelesen und von nicht wenigen kommentiert werden, da wird geglaubt, dass durch das Löschen einer Aussage alles wieder gut ist  … Und ich wiederhole mich: Nein, ich spreche hier nicht von Teenies oder ungebildeten Menschen. Wie erbärmlich muss es doch in der Seele eines Menschen aussehen, der mit derartigen Verhaltensweisen und mit solch einem Gedankensalat im Hirn in die Welt blickt?
**Das** macht(e) mich zunächst sprachlos und dann nachdenklich. Insofern: Ja, Facebook verändert das soziale Verhalten, denn der virtuelle Raum verleitet immer wieder einige (wenige) zu erstaunlich forschen Tönen und lässt sie vergessen, wie ein respektvoller Umgang miteinander im realen Leben aussieht. Inzwischen erforschen Wissenschaftler das Gehirn des Menschen bereits anhand des Facebook-Verhaltens, wie im Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 11. November 2015 zu lesen ist.

Es liegt am Menschen, nicht am Medium

Soll Facebook deshalb verteufelt werden? Sicher nicht. Denn entscheidend ist immer, was der Mensch daraus macht.
Dass es auch anders geht, zeigt meine FB-Gruppe „Café Umlaut“, in der ein freundlicher und hilfsbereiter Umgang gepflegt wird und in der sich die Mitglieder nach eigenen Aussagen wohl und gut aufgehoben fühlen. Das reicht mir und vielen anderen schon als Antwort auf die Frage, warum „noch eine Übersetzergruppe“ gegründet werden musste.

P.S. Herzhaft gelacht habe ich, als ich den zufällig entdeckten Artikel Hawaiiiii – Das tägliche Grauen der Facebook-Postings, erschienen in der Tageszeitung Die Welt, gelesen habe, eine Übersetzung des englischen Originalbeitrags 7 ways to be insufferable on facebook. Zu jeder Kategorie sind mir spontan ein paar Namen eingefallen – und dabei nehme ich mich gar nicht aus. 🙂

 

4 Gedanken zu „Facebook: wundersame Parallelwelt“

  1. Ich finde ja nicht unbedingt, dass Facebook eine Parallelwelt ist, nicht „mein“ Facebook jedenfalls. Eher eine virtuelle Erweiterung des Offline-Lebens, und immer fließender werden die Grenzen dabei. Ich habe mich auch lange dagegen gesträubt, heute möchte ich es aus verschiedenen Gründen nicht mehr missen.

    Das Benimm-Problem gibt es ja nicht erst seit Facebook, sondern schon so lange, wie es Internetforen gibt. Und zwar vollkommen unabhängig davon, welches Thema das Forum hat – ob Beruf, Hobby, Elternschaft, Fandom, ganz egal: Irgendwer vergreift sich immer mal im Ton und die Wellen schlagen hoch. Muss wohl weniger am Medium als an den Menschen liegen. 😉

    1. Hallo Susanne, schön, dich hier zu treffen. Danke für deine Zeilen. Klar, deshalb schrieb ich ja am Ende: „Denn entscheidend ist immer, was der Mensch daraus macht.“ 🙂

  2. Liebe Frau Giselle,

    da ich mich vom Facebook auf das täglich fünfzigfache googlen meines Namens verlegt habe, bin ich natürlich auch auf Ihren Artikel gestoßen, der mich zitiert 😉
    Sie sehen, eine liebenswerte Krankheit folgt der anderen.

    Ihnen alles Gute mit Ihrem Blog!

    Herzlich
    Alexander Wallasch

    1. Ha ha, sehr schön! Danke für die guten Wünsche und Ihnen alles Gute für 2016 (und danach). Herzliche Grüße
      Giselle

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