Vom Perspektivwechsel und dem Sprung ins andere Gehirn

So manches erscheint einem verzwickt, aussichtslos oder gar völlig falsch. Wer versucht, die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, stellt fest, dass sie doch nicht so verquer ist.

Vor kurzem waren Handwerker bei mir zu Hause. Drei lange Wochen. Vorher musste das Wohnzimmer komplett ausgeräumt werden. Und als alles wieder an Ort und Stelle gebracht wurde, habe ich so manches Stück im wahrsten Sinne des Wort auf den Kopf gestellt. Da entdeckt man Schmutz an Stellen, an denen man ihn gar nicht vermutet hätte. Gilt das Prinzip nur für den Hausputz?

Individuelle Sichtweise

Dass jeder Mensch alles, was er bewusst oder unbewusst wahrnimmt, mit „seinen Augen“ sieht, ist eine Binsenweisheit. Was für den einen schön ist, findet der andere unattraktiv. Eine Aufgabe, die der eine als schwierig empfindet, ist für einen anderen ein Kinderspiel. Und wo der eine kein Problem sieht, erkennt der andere eine ganze Reihe von Aspekten, die es mit Vorsicht zu berücksichtigen gilt.

Dahinter verbirgt sich die Tatsache, dass die Betrachtungsweisen von Problemen, Situationen, Aufgaben usw. sehr differenziert sind. Denn jeder hat unterschiedliche Gefühle, Gedanken, Werte, Prägungen, Erwartungen, Interessen, Bedürfnisse, Vorstellungen… und damit auch unterschiedliche Sichtweisen in seinem persönlichen „Gepäck“.

Der neue Blickwinkel

Was für den Wohnzimmertisch gilt, der einfach mit der Platte nach unten abgestellt wird, damit auch diese einmal behandelt werden kann, funktioniert auch mit Aufgaben und Situationen. Warum nicht einfach einen gedanklichen Schritt nach links oder rechts tun, um die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Aus der damit veränderten Perspektive erscheint einem die Situation mit großer Wahrscheinlichkeit in einem ganz neuen Licht.

Warum schwierige komplexe Projekte nicht in mehreren Etappen durchführen? Das erleichtert das Ganze. Der Perspektivwechsel ist eine aufschlussreiche „Übung“, die sich mehrfach wiederholen lässt und neue Möglichkeiten, die bisher verschlossen schienen, eröffnet. So entwickeln sich bei einem bestimmten Sachverhalt immer wieder neue Facetten, die völlig neue Denk- oder Lösungsansätze in sich bergen.

Kreuz- und Querdenker

Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann“, so der  französische Schriftsteller, Maler und Grafiker Francis Picabias Maxime, mit der er das Denken in alle Richtungen befürwortete. Tatsächlich ist dieser Ansatz vielfach der Ursprung zahlreicher Erfindungen und Entdeckungen gewesen, die als wesentliche Fortschritte des industriellen Zeitalters gelten.

Wer sich im Kreuz- und Quer-Reflektieren übt, wird schnell feststellen, dass er nicht nur zu schnelleren, sondern auch zu zielführenden, sinnvolleren – ja, pfiffigeren Lösungen kommt. Dabei ist es häufig hilfreich, die Methode „was wäre, wenn…?“ anzuwenden und sich nicht durch das vermeintliche „das geht nicht“ abschrecken zu lassen.

Grenzen ignorieren

Auf den ersten Blick hat jedes Problem oder jeder Sachverhalt einen Rahmen, der den Handlungsspielraum zunächst bestimmt. Bietet sich innerhalb dieser vermeintlichen „Grenzen“ keine unmittelbare Lösung, sollten diese nach Möglichkeit auf ihre – sagen wir – Flexibilität hin geprüft und bei Bedarf ignoriert werden, ja, ein Ansatz außerhalb des Rahmens gesucht werden.

Wollen Sie das einmal anhand einer kleinen Aufgabe probieren? Die Aufgabe lautet: Verbinden Sie die neun Punkte mit vier Strichen, ohne den Stift auch ein einziges Mal abzusetzen.

Zunächst scheint die Aufgabe unlösbar zu sein. Hier empfiehlt sich, den Wortlaut des Problems genau zu lesen.

Die Lösung finden Sie übrigens hier.

Rollentausch

Der Wechsel des Blickwinkels ist nicht nur für Probleme hilfreich, die einem unlösbar oder nur schwer lösbar erscheinen. Fragen Sie auch bei Aufgabenstellungen, die für Sie zur Routine geworden sind, einmal KollegInnen, Bekannte oder andere Personen, wie sie das sehen oder erledigen würden. Sie werden staunen!

Wem das Spiel des Rollentauschs gelingt, hat schon gewonnen. Fragen Sie sich: Wie würde ich reagieren, wenn ich X oder Y wäre? Dieser Ansatz hilft meistens, auch Lösungswege einzuschlagen, die sonst nicht zu Ihrem „Schema“ passen. Denn wer nur eine Sicht der Dinge hat, verschließt sich vielen anderen möglichen Lösungen, die durchaus genau so effizient sind.

Auch im Kundenkontakt hilfreich

Wechseln Sie die Perspektive, tauschen Sie die Rollen, schlüpfen Sie kurz in das Gehirn Ihrer Kunden und versetzen Sie sich einfach in deren Lage:

Kunden drücken die Preise? Verständlich, sie müssen Kosten einsparen und haben meist Vorgaben von ihrer Geschäftsführung oder Sachzwänge, die sie beachten müssen.

Wo kaufen Sie ein? Online oder im Fachhandel? Wie viel sind Sie bereit zu zahlen, wenn Sie Kunde sind? Geben Sie sich mit Discountware zufrieden oder ziehen Sie Premiumqualität vor?

Wenn Sie öfter das Spiel des Perspektivwechsels spielen, tun Sie sich auch mit Ihrer eigenen Positionierung und Planung leichter. Viel Erfolg!

2 Gedanken zu „Vom Perspektivwechsel und dem Sprung ins andere Gehirn“

  1. Eine gute und auch nützliche philosophische Gedankenübung ist dir da gelungen, Giselle. Man sollte sich den Perspektivwechsel/Rollentausch viel öfter vor Augen halten.

    Herzliche Grüße aus Hamburg,
    Nadine

    1. Vielen Dank, liebe Nadine. Ich praktiziere diesen Ansatz recht häufig, es ist stets aufschlussreich.
      Herzliche Grüße aus dem Süden
      Giselle

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