Ein Boomerang im Suppentopf

steine verschenkenDie alte Dame ist völlig verdutzt, als eine Frau ihr einen Blumenstrauß in die Hand drückt. „Warum …?“, fragt sie. Die Frau drückt noch ihren Arm in einer herzlichen Geste und läuft weiter. Dreht sich noch einmal um und sieht, wie die alte Dame im abgetragenen Mantel strahlt und den vorbeieilenden Passanten den Strauß zeigt: „So etwas Schönes habe ich die letzten vierzig Jahre nicht bekommen …“.

Ich stelle mir unser gemeinsames Leben auf dem blauen Planeten wie eine große wohlduftende und appetitliche Suppenschüssel vor: Da schwimmen unterschiedlich große saftige Fleischstücke, Möhrenstifte, Blumenkohlröschen, Erbsen und Nudeln drin. Ab und zu fische ich etwas Leckeres heraus und erfreue mich daran. Dann lege ich auch wieder etwas in die feine Brühe, damit auch andere etwas davon haben. Ich wiege nicht ab, ob meine neue Einlage der Portion entspricht, die ich im Teller hatte. Ich vergleiche auch nicht die Qualität der Einlagen: Nudeln gegen Nudeln, Möhren gegen Möhren eintauschen? Nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin dankbar, dass ich von dem Eintopf profitieren konnte. Und freue mich, wenn auch andere ihr Glück darin finden.

Random acts of kindness

Donnerstag Abend an der Kasse im Supermarkt. Die Kassiererin sieht müde aus. Ich frage sie, wie lang ihre Schicht noch geht, und denke für mich, dass es wirklich unsinnig und familienunfreundlich ist, Supermärkte bis Mitternacht offen zu halten. Noch vier Stunden, meint die junge Frau an der Kasse und fügt hinzu: „Seit Stunden ist so viel los, dass ich mir nicht einmal eine Flasche Sprudel besorgen konnte“. Ich bezahle, packe meine Sachen ein und kaufe am Imbiss draußen auf dem Hof eine Flasche Wasser und ein belegtes Brötchen. Wortlos lege ich der jungen Kassiererin die Flasche und die Tüte mit dem Brötchen hin. Sie schaut ungläubig. „Trinken Sie etwas, das ist wichtig“, sage ich und lächle ihr zu.

Meine Nachbarin hat zwei Kinder, die viel Limo und Saft in Pfandflaschen trinken. Gestern fuhr sie zum Discounter und brachte die Pfandflaschen zurück. In dem Nebenraum, wo drei Pfandautomaten fast am laufenden Band rattern, knattern und knistern, steht ein älterer Mann im schäbigen Mantel in der Ecke. Er durchsucht einen großen Mülleimer nach Flaschen, die ungeduldige Menschen dort hineingeworfen haben und vielleicht doch noch vom Automaten angenommen werden. Als meine Nachbarin den Automaten mit der letzten Flasche gefüttert hat, drückt sie den grünen Knopf und zieht ihren Bon: 4,75 Euro, die sie an der Kasse des Ladens mit ihrem Einkauf verrechnet bekäme. Sie sieht sich um. Außer ihr und dem Mann, der ein wenig verlegen dreinschaut und sie von der Seite anlächelt, ist niemand da. Prompt geht sie auf ihn zu und sagt: „Darf ich Ihnen das geben? Danke für Ihr Lächeln“.

Nicht immer muss die Geldbörse gezückt werden

Ein Händedruck, wo er möglicherweise gar nicht „üblich“ gewesen wäre; ein Lob, wenn die Mitarbeiterin des Drogeriemarktes die Lippenstifte so schön einordnet; ein Schulterklopfen, wenn ein (fremdes) Kind die auf dem Boden liegende Verpackung aufhebt und in die Mülltonne wirft; eine Tafel Schokolade, mit der man sich „zwischendurch“, also nicht unbedingt an Weihnachten, beim Postboten bedankt; ein Kompliment, wie hübsch die junge Dame, die neben einem in der Straßenbahn sitzt, doch ist; ein „wollen Sie vorgehen?“ an der Kasse, wenn man es nicht eilig hat; zwei Flaschen Wasser für die Straßenbauarbeiter, die vor dem Haus bei glühender Hitze die Asphaltdecke reparieren; eine helfende Hand beim Einladen der schweren Erdsäcke in den Kofferraum, ein netter Kommentar unter dem Post eines Kollegen, mit dem man eigentlich nicht auf einer Wellenlänge liegt  … Das sind die kleinen Dinge, mit denen jeder anderen Menschen eine Freude machen kann.

Versuchen Sie einmal, jeden, der Ihnen in der Stadt entgegen kommt, anzulächeln. Sie werden überrascht sein, wie plötzlich fast alle lächeln. Auch die, die eilig die Fußgängerzone herunterlaufen, um schnell noch ein Schnäppchen zu ergattern.

Neulich in der Südpfalz

An einem sonnigen Herbsttag wanderten wir mit Freunden und deren Kindern durch die Weinberge rund um Burrweiler. Auf dem Rückweg zu den Autos kamen wir an einem Haus vorbei, vor dessen Einfriedigungsmauer zwei sehr schöne blaue Übertöpfe standen, davor ein Pappschild: „Die hier verschenke ich. Viel Spaß!“. Das Angebot zauberte ein Lächeln auf unsere Lippen. Eine Freundin nahm einen der Übertöpfe in die Hand und sagte: „Meinst du, ich kann den Topf hier mitnehmen?“. Im selben Moment kam die Hausherrin heraus und ahnte wohl, welch Dilemma sich im Herzen und im Kopf meiner Freundin abspielte: „Nemme Se’n mit, isch freu misch, wann Se e Freud dran habbe!“. Wie schön, als beide so glückliche Gesicher machten … Zur Nachahmung empfohlen!

Im nächsten Ort, Gleisweiler, wo wir einkehren wollten, liefen wir an einem Ministand vorbei. Kinder, so unsere Vermutung, hatten Steine bemalt: Marienkäfer als Glücksbringer, Schmetterlinge, Eichhörnchen, zum Teil wahre Kunstwerke. „Zum Mitnehmen“, hieß es auf dem Pappschild – gratis, als kleine Freude. Ein netter Gedanke, eine schöne Geste.

Wie ein Boomerang

Die kleinen zufälligen Freuden des Alltags, die wir unseren Mitmenschen zuteil werden lassen, erfreuen uns um ein Vielfaches. Wir gehen zufriedener durch die Welt, die wir auf diese Weise ein klitzekleines Bisschen besser machen. Vorbei der „Leistung-Gegenleistung-Gedanke“, das „Schenke-ich-dir-schenkst-du-mir-Prinzip“. Sie machen Freude: einfach so. Und diese Freude kommt direkt zu Ihnen zurück – wie ein Boomerang.

Ihr erster Impuls ist manchmal, Menschen, die Ihnen nicht liegen, herunterzuputzen, sie abwertend zu kritisieren, sich hinter ihrem Rücken über sie lustig zu machen oder gar Lügen über sie zu verbreiten? Dass Ihnen das Freude macht, glaube ich einfach nicht! Versuchen Sie doch einmal, stattdessen über Ihren Schatten zu springen und die Hand auszustrecken – einfach so, es kostet Sie nur ein klein wenig Überwindung, den Sprung über Ihren Stolz. Aber dann werden Sie erfahren, wieviel Positives zurückkommt. Wie ein Boomerang …

Wer unerwartet eine Geste der Großzügigkeit erfährt, wird mehr Bewusstsein dafür entwickeln, was die Menschen um ihn herum empfinden und brauchen, und wird selbst ein aktives Glied in der Kette der random acts of kindness. Probieren Sie es einfach. Ich bin gespannt, was Sie mir erzählen werden, mit welchen kleinen Gesten Sie jemandem eine Freude bereitet haben. Und freue mich schon darauf.

 

2 Gedanken zu „Ein Boomerang im Suppentopf“

  1. Liebe Frau Chaumien,
    wie so oft bereits vorher: Danke für diesen schönen Artikel.
    Letzten Winter hatte ich abends spät eine Rentnerin in abgewetzter Garderobe vor mir an einer der 24-Uhr-Kassen.
    Sie hatte sich neben Brot, Milch und Eiern eine 5-er Stange Mon Cherie leisten wollen. 1,79? Ich weiß es nicht mehr.
    Ihr Geld reichte nicht. Beschämt wollte sie die Mon Cherie zurück geben.

    Ich liebe Mon Cherie und fand es so traurig und gleichzeitig berührend, wie sich jemand vor mir diese winzig kleine Freude nicht leisten konnte.
    Den Rest können Sie sich denken.
    Sie war so überrascht, dass sie es erst gar nicht fassen konnte.

    Sie wollte die Mon Cherie mit mir teilen.
    Ja. Ich liebe Mon Cherie. Doch ich fand es besser, sie genießt alle 5 und freut sich dann um eines mehr.

    Es sind die kleinen Gesten. Sie sind so wichtig, denn sie sind die Gymnastik für unsere Seele und unser Herz, damit wir uns für die großen Gesten stärken.

    Alles Liebe
    Petra Schulte

    1. Eine schöne Geschichte. Danke, dass Sie sie mit uns teilen, liebe Frau Schulte. Ja, die kleinen Gesten machen es aus, und die Freude ist auf beiden Seiten da, eine Freude, an der der Gebende mindestens so lange zehrt wie der Beschenkte.
      Liebe Grüße
      Giselle Chaumien

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