Mein Markt ist mein Sandkasten

Discounter machen den Fachhandel kaputt. Billiganbieter greifen Markenhersteller an. Generalisten nehmen den Spezialisten die Übersetzungsaufträge weg. Solche und ähnliche Aussagen liest man zuhauf in der Presse und noch häufiger in den Fachforen der social media. Was ist dran an diesen Behauptungen? Gibt es nicht einen Markt für alles? Und wie kann ich mich auf meinem Markt in meinem Sandkasten behaupten?

Als meine Eltern jung waren, gingen sie zum Kolonialwarenhändler, wenn sie Lebensmittel brauchten. Damals gab es keine Supermärkte. Man kaufte auf dem Markt sein Obst und Gemüse, für den Rest gab es den Fachhandel. Baumärkte? Das gab es nicht. War das Auto oder das Bügeleisen defekt, suchte man die Kfz-Werkstatt bzw. den Elektriker seines Vertrauens auf, sofern man den Schaden nicht selbst beheben konnte.

1962 wurde in Dortmund die erste „echte“ Aldi-Filiale eröffnet. Wenig später wurden die ersten Baumärkte gegründet. Von da an entfachte sich ein harter Kampf um Marktanteile, und Anbieter mussten um die Gunst der Kunden buhlen. Schnell wurde klar: Fläche macht Kasse.

Parallele zum Übersetzungsmarkt

Nackte Zahlen zum weltweiten, europäischen und deutschen Übersetzungsmarkt liefern u.a. das internationale Beratungsunternehmen Common Sense Advisory mit Hauptsitz in den USA, der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ), das Statistische Bundesamt und die Website uepo.de. Wer diese Quellen regelmäßig studiert, weiß, dass zum einen die Branche jährliche Zuwachsraten von rund 12-15 Prozent verzeichnet und zum anderen das globale Volumen der Branche auf über 30 Milliarden US-Dollar beziffert wird. Allein in Deutschland sind 23.000 Personen selbstständig als Übersetzer und/oder Dolmetscher tätig, die meisten als Einzelkämpfer.

Klar ist, dass sich am Dienstleistungsmarkt in dieser wie auch in vielen anderen Branchen eine starke Konzentration vollzieht. Ähnlich wie bei Lebensmitteln oder Elektronikprodukten haben sich am Übersetzer-/Dolmetscher-Markt große Unternehmen etabliert, die viele Dienstleistungen anbieten und nahezu alle Sprachen abdecken. So ist es für den (Firmen-)Kunden bequem, denn für seine unterschiedlichen Anforderungen muss er sich nur an einen einzigen Ansprechpartner wenden. Dass aber die Breite des „Sortiments“ nicht unbedingt ein Erfolgs- (und Qualitäts-)faktor sein muss, lässt sich an gut positionierten Fachhandelsbetrieben erkennen. So wird der kleine und mittlere Fachhändler trotz des Drucks durch Lebensmitteldiscounter und Retailer langfristig (gut) überleben können – allerdings nur, wenn er seine Vorteile voll ausschöpft und sich gut positioniert.

Daher bin ich fest davon überzeugt, dass es auf dem globalen Übersetzungsmarkt einen Platz „für alle“ gibt: die großen Allround-Agenturen für den sog. bulk market, die kleineren KMU-Dienstleister, die in fein abgesteckten Marktsegmenten tätig sind und/oder ihre kleine feine Stammkundschaft bedienen, und natürlich auch für die einzelkämpfenden Übersetzer, die auf ihrem (Premium-)Markt, in ihrem speziellen Sandkasten ihre Dienstleistungen erbringen. Der Markt gibt das her, das steht außer Frage. Und es steht hier nicht zur Debatte, was „besser“ oder „weniger gut“ oder „schlechter“ ist. Einmal mehr darf ich an Kevin Hendzel Beitrag „It Was the Best of Times, It Was the Worst of Times: How the Premium Market Offers Translators Prosperity in an Era of Collapsing Bulk-Market Rates” verweisen.

Individualisierung durch Dienstleistung

Es gibt keinen Automatismus für Erfolg. „Nur im Wörterbuch steht Erfolg vor Fleiß“, sagte Vidal Sassoon (Originalfassung: ‚The only place where success comes before work is in a dictionary.‚) – ein Spruch, der für Spracharbeiter kaum passender sein könnte. Wer ernsthaft daran interessiert ist, nicht nur als Übersetzer(in) zu „überleben“, sondern gut zu leben – und das ist möglich – wird um eine gute Portion harter Arbeit nicht drumherum kommen. Das scheint aber auch nicht „das Problem“ zu sein.

Was den Unterschied macht (wobei ich hier ausschließlich für den „nicht-literarischen“ Übersetzer spreche), ist neben dem für diesen Beruf erforderlichen Talent die fachliche Qualifikation, die allerdings immer differenzierter und pointierter wird. Die Spezialisierung ist das A und O, die Nischenspezialisierung noch zielführender. Wenn Sie mich fragen, welche Nische Sie für sich auswählen sollten, dann kann ich nur sagen: Das ergibt sich in erster Linie aus Ihrer Auftragshistorie. Sprechen Sie mit Ihren Kunden, die im Nischenbereich tätig sind, und bieten Sie ihnen Rahmenverträge an. Das sichert einen Teil Ihrer Umsätze.

Der gute Ruf macht’s: die Soft Skills

Langfristig ist die Reputation des Übersetzers ausschlaggebend. Wer sehr gut ist, wird gerne und oft weiterempfohlen, wobei Kunden durchaus auch die sog. Soft Skills bewerten: Wie gestaltet sich die Auftragsabwicklung mit diesem Übersetzer – problemlos oder schwierig, weil dem Kunden Dutzende von Mails in den Postkasten flattern, eine Rückfrage nach der anderen kommt, anstatt dass sie gesammelt werden, weil der Übersetzer konstruktive Kritik des Kunden als Angriff auf seine Ehre empfindet usw. Im Juli 2014 habe ich eine kleine nicht repräsentative Umfrage bei größeren Übersetzungsagenturen durchgeführt. So konnte ich herauskristallisieren „Was Agenturen erwarten“ und „Was Agenturen zahlen“.  Nicht wenige Agenturchefs, mit denen ich damals gesprochen haben, sagten, dass sie in den großen Übersetzer-Fachforen auf Facebook ihre Mitarbeiter platziert haben, denn sie nutzen Facebook nicht etwa, um Übersetzer zu finden, sondern um anhand der Posts und Kommentare diejenige herauszufiltern, mit denen sie **nicht** zusammen arbeiten wollen. Mit einem CEO einer der Top 10 in der Branche unterhielt ich mich lange über diesen interessanten Ansatz. Insofern sind Soft Skills ein heißes Thema, dem sich junge Kolleginnen und Kollegen stärker widmen sollten.

Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen

Ob Generalist oder Spezialist, ob low budget oder premium segment – es gibt für alles einen Markt. Weder die einen noch die anderen machen den Übersetzungsmarkt meiner Ansicht nach kaputt – und die großen Agenturen auch nicht. Der Kunde, der im Low Budget Segment seine Dienstleister sucht, kann – eben aus Budgetgründen – kein Ansprechpartner für einen Premium-Anbieter sein – und umgekehrt wird ein Unternehmen, das den Wert und die Tragweite einer exzellenten Übersetzung oder gar Adaptierung in der Fremdsprache in seinem speziellen Fachgebiet zu schätzen weiß, wird sich nicht an die niederpreisigen Anbieter wenden. Gerade deshalb kann nach heutigem Stand die maschinelle Übersetzung keine Konkurrenz für uns Profi-Übersetzer darstellen. Und solange Übersetzer bereit sind, für weniger als 10 ct. pro Wort zu arbeiten, wird sich nicht grundsätzlich etwas ändern. Es hat alles seinen Preis, und alles findet seinen Markt. Man muss sich nur entscheiden – und etwas dafür tun.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf den exzellenten Blogpost meiner Kollegin Corinne McKay zum Thema „Secrets of six-figure translators“. Besonders zutreffend finde ich diese Passage: „Six-figure translators also seem to concentrate on clients who care about the quality of their translations and the level of service they receive, not just about things being on time and on budget (although I’m sure they care about that too!). In her presentation about marketing to direct clients, France-based French to English translator Chris Durban talked a lot about selling “a translation that reflects the quality of the company’s products and services,” which I thought was a great way to distinguish translation as a non-commodity.

 

4 Gedanken zu „Mein Markt ist mein Sandkasten“

  1. Liebe Frau Chaumien,

    Danke für diesen spannenden Artikel. Froh bin ich über die Erkenntnis, dass es für alle Leistungstypen Märkte und Kunden gibt: Wer den Discounter sucht, begnügt sich halt mit der eigenen Schlepperei. Wer den Fachmarkt und die Fachfrau sucht, weiß meist bereits, wo die wahre Leistung steckt und wie sich die Begriffe ROI oder Umwegrentabilität übersetzen lassen: Ich zahle für die Extrameile, die mir selbst Zeit, Wegstrecke, mögliche Fehler und sehr viel Aufwand erspart. Kosten-Nutzen-Relation.

    Schön geschrieben.
    Liebe Grüße
    Petra Schulte

    1. Vielen Dank, liebe Frau Schulte. Ja, wie heißt es immer? You get what you pay for. Insofern hat es jeder in der Hand, sich „seinen“ Markt bzw. „seinen“ Sandkasten zu suchen.
      Liebe Grüße
      Giselle Chaumien

  2. Wow ! This is so true ! Bei mir, auf dem polnischen Übersetzungsmarkt sieht man auch auch ähnliche Tendenz. Aber wie Sie geschrieben haben: „der gute Ruf macht’s“ 🙂 Schöne Grüße !

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