Nicht ohne meinen Dragon

DrachenDie Firma NUANCE hat ein wunderbares Tool entwickelt, das allen Vielschreibern das Leben und Arbeiten ungemein erleichtert: die Spracherkennungssoftware Dragon NaturallySpeaking. Meine Arbeit kann ich mir heute nicht mehr ohne meinen Drachen vorstellen. Doch nicht jeder gewöhnt sich so schnell und leicht an die Nutzung dieses Tools, daher hier mein zweiter Erfahrungsbericht sowie Tipps und Hilfen.

Mit der Spracherkennungssoftware Dragon NaturallySpeaking von Nuance, die u.a. in Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch verfügbar ist, können Anwender in natürlichem Sprechrhythmus Dokumente verfassen, den PC steuern, E-Mails bearbeiten, Suchläufe in Suchmaschinen starten oder ganze Abläufe automatisieren. All das mache ich mit meinem Drachen. Seit etwa 18 Monaten ist er bei mir im Einsatz, missen möchte ich ihn nicht mehr.

Für alle Kolleginnen und Kollegen, die wie ich Übersetzungen anfertigen, hier eine Reihe von Tipps, Hilfen und Gedanken. Ich schildere hier ausschließlich MEINE Erfahrungen mit Dragon Naturally Speaking. Es liegt mir fern, irgend jemandem nahe treten zu wollen, der nicht (gut) mit DNS zurecht kommt, und/oder zu sagen, dies oder jenes müsse/solle so oder so sein.

Meine ersten Schritte mit DNS können hier nachgelesen werden.

Vorabinfo: Ich übersetze ausschließlich in den Sprachkombis DE < > FR (also habe ich die niederländische Version, die das Diktieren in französischer Sprache erlaubt). Fachgebiete: Technik, Recht: Verträge aller Art, Patente, Gutachten usw., Pressedossiers, Marketing, Finanzberichte, Aktionärsbriefe usw.

Ich habe die Version Professional 12.5 (die V13 gibt es aktuell für FR noch nicht) für ca. 890,- Euro, schnurloses Headset von Sennheiser DW Office Funk-Headset (DECT) zum Preis von 280,- Euro zzgl. MwSt., so dass ich im Büro herumlaufen oder auch mal am Stehpult diktieren kann. Das von NUANCE mitgelieferte Headset war für mich nicht zufrieden stellend.

Ich arbeite nicht mit CAT-Tools. Wer mehr über Dragon + CAT-Tools wissen will, fragt am besten Kollegen, die in einschlägigen Gruppen z.B. auf Facebook unterwegs sind. Zu Dragon + MAC kann ich auch nichts sagen.

Die Installation hat an meinem PC ca. 20-30 Minuten gedauert (gem. Erinnerung desjenigen, der das Programm im Sommer 2013 auf meinem PC installiert hat). Sprech- und Stimmtraining (vorgegebenen Text vorlesen usw.) ca. 20 Minuten.

Allein laut sprechen? Es kam mir nicht so sehr komisch vor, allein (OK, mein Büroassistent Filou, hauptberuflich Jack Russell Terrier, ist auch anwesend) in meinem Büro laut zu sprechen, da ich früher schon öfter Texte (keine Übersetzungen, sondern Sitzungsprotokolle usw.) auf einem Diktiergerät diktiert habe (z.B. in „Wartesituationen“ am Airport usw.).

Tippgeschwindigkeit: Ich tippe schon seit 30 Jahren sehr sehr schnell. Ich habe Gelegenheit, mich ab und zu (ca. alle 2 Jahre) einer „Maschinenschreibprüfung“ (PC) zu unterziehen. 2012 erreichte ich fehlerfreie 300 Anschläge/Minute. Zum Vergleich: Der IHK-geprüfte Fachkaufmann für Büromanagement muss in einer 10-Minuten-Abschrift mindestens 230 Anschläge pro Minute mit einer Fehlerquote von höchstens 0,36 % erreichen.

Einsatzbereich: Ich nutze den Drachen für ca. 90 % der Übersetzungsaufträge und 100 % aller Textarbeiten (Artikel für Print- oder Online-Magazine, Corporate Blogs usw.). Und ich darf betonen: AUCH und gerade für Marketingtexte, für technische Texte mit Zahlen und Abkürzungen usw. (weil ich immer wieder lese „ja, Dragon geht bei mir nicht, weil ich Marketingtexte übersetze“). In relativ vielen Übersetzungen mit Zielsprache DE kommen recht viele französische Begriffe vor. Diese habe ich dem Drachen antrainiert (mit der Funktion „Schreib das“ + „Trainier das“). Das ist am Anfang etwas mühsam, lohnt sich aber.

Produktivität: Ich konnte bereits nach einer einzigen Woche feststellen, dass ich schneller bin, als wenn ich die Texte selbst tippe. Die höhere Produktivität ermöglicht mir, entweder mehr Aufträge anzunehmen oder aber die gewonnene Zeit für andere Dinge zu nutzen.

Nun zum Vorgang des Diktierens: Das Diktieren von Übersetzungen erfordert eine „besondere“ Fertigkeit, womit ich nicht sagen will, dass man dafür besonders clever sein oder einen IQ von 145 haben muss. Es ist einfach ÜBUNG. Ich hatte das Glück, dass ich sehr früh Texte (Briefe, Sitzungsprotokolle usw.) diktieren musste, so dass ich – wie ein NUANCE-Vertreter mir gegenüber sagte – ein „routinierter Diktant“ bin. Der Vorgang des Diktierens von Texten ist eigentlich ein Prozess, den wir Menschen im Textverarbeitungszeitalter verlernt haben: der Prozess der klaren Formulierung im Kopf (Dolmetscher können das übrigens sehr gut).

Aber keine Angst! Was anfänglich vielen als große Hürde vorkommt, entpuppt sich schnell als Kinderkram. Denn: Es ist reine Übungssache. Das Diktieren eines Textes, der mir nicht vorliegt, also z.B. eines Artikels, den ich verfasse, für den ich weder Gliederung noch Roadmap habe, unterscheidet sich 1. vom Diktieren einer Übersetzung und 2. auch vom Diktieren eines kurzen Gedankens/Memos (z.B. per smartphone: „XXX an Terminologieliste erinnern“). Das Abfassen eines Diktats (in meinem Beispiel: Ich diktiere einen Artikel), im Gegensatz zum akustischen Memo, erfordert die gedankliche Leistung, das, was ich sage/sagen will, also meine Gedanken, in Bezug auf das Ausdrucksziel weitgehend vorzuformulieren und zügig auszusprechen. Professionelle Autoren können das übrigens quasi druckreif (Schriftsteller sind hier nicht gemeint) und, wie bereits erwähnt, Dolmetscher.

Der Umgang mit der Spracherkennung in dem Sinne, dass man Texte statt zu tippen über die Sprache eingeben kann, ist aus meiner Sicht mit Dragon sehr schnell zu lernen, sehr viel schneller jedenfalls als das Tippen. Man benötigt nicht mehr als das anfängliche Training, eine saubere Aussprache, das Mitsprechen der Satzzeichen sowie ggf. der Großschreibung und ein paar wenige Befehle zum Umgang mit der Korrekturfunktion. Am schwierigsten ist hier sicher noch, sich einen einigermaßen sauberen und flüssigen Diktatstil mit zusammenhängenden Äußerungen anzueignen“, schreibt Marius Raabe im Dragon-Spracherkennung-Forum.

Um so schwieriger ist also die gedankliche Leistung, einen Text in der Sprache XXXX zu lesen und das „Diktat“ in der Sprache YYYY so vorzuformulieren, dass ich nicht 5 Mal alles umstellen muss. Nun muss ich allerdings einräumen, dass ich auch vor dem Einzug des Drachens in meine Räumlichkeiten recht schnell einen Satz erfasst und übersetzt habe, vielleicht weil meine beiden Arbeitssprachen Deutsch und Französisch auch meine Muttersprachen und keine Fremdsprachen sind. Eventuell könnte auch ein Schnelllesekurs, den ich vor über 25 Jahren absolviert habe und dessen Erkenntnisse ich seitdem permanent nutze, zusätzlich hilfreich sein, wenn man Textpassagen auf einen Blick erfassen will.

Der Vorgang des Diktierens wird allerdings dadurch erschwert, dass der Dragon jeden Laut, alle Ähs, Öhs (en français „euh“), Flüche und sonstige Grunz-, Schnauf- und Schniefgeräusche, die ein m.E. normaler Mensch ab und zu von sich gibt (auch wenn er – wie ich – Nichtraucher ist) sowie Kau- und Schlürfgeräusche registriert und „aufschreibt“. 😉

Das bedeutete für mich: üben, üben, üben, den Drachen überlisten, leise trinken und kauen, wenn ich mein Headset aufhabe … und vor allem, lernen, den Satz mit einem Blick zu erfassen und blitzschnell in die Zielsprache umzusetzen. Das geht – man muss es trainieren. Interessanter Nebeneffekt übrigens: Es trainiert ungemein das Gehirn.

Der Drachen ist sehr lernfähig und „tolerant“. Erstens versteht der Drachen durchaus Menschen, die mit Dialektfärbung oder einem Akzent sprechen. Das stelle ich in meinem Netzwerk fest, in dem fast alle Übersetzer und Texter das Programm einsetzen. Zweitens toleriert der Drachen inzwischen auch, wenn im Hintergrund Musik läuft (natürlich nicht zu laut). Richtiges Korrigieren ist und bleibt entscheidend für die Lernfähigkeit von Dragon. Wer sich nicht bemüht, ihm die Wörter, die er nicht „kennt“, beizubringen, wird in der Erkennungsgenauigkeit keine Fortschritte feststellen.

Inzwischen habe ich eine ganz gute Geschwindigkeit beim Diktieren von Artikeln oder Übersetzungen erreicht. Aber selbst wenn ich den einen oder anderen Satzteil „langsamer“ laut formuliere, ist das Tempo, das ich insgesamt erziele, wesentlich höher als meine doch sehr hohe Tippgeschwindigkeit. Ich überblicke übrigens am Satzende den diktierten Satz und korrigiere Dragon-Fehler sofort (Anlernen des Tierchens). Selbst die Zeit für das abschließende Korrekturlesen am Ende des kompletten Textes fällt bei der Produktivitätsberechnung kaum ins Gewicht.

Wer auch nach 2-3 Wochen „immer noch schneller mit Tippen als Diktieren“ ist, sollte nicht verzweifeln oder den Drachen als unnütz abtun. Sondern üben. Zum Beispiel so:

Übung zur Verbesserung der Diktierfertigkeit:

Einen einfachen Text irgendwo aus dem Internet herauskopieren, evtl. sogar aus der eigenen Website. Kurze Zeilen (etwa von der Länge einer Normzeile) daraus erstellen und damit das Übersetzen üben, damit man nicht an Termini hängen bleibt, sondern die Übung ausschließlich auf den Übersetzungsvorgang abzielt. Schnell merkt man, dass man sich zum Speedy G. entwickelt, dann können die Sätze länger werden – und irgendwann hat man ein gutes Level erreicht. Verbessern geht immer.

A propos Erkennungsgenauigkeit: Der Hersteller spricht von einer „Erkennungsgenauigkeit von bis zu 99 %“. Ich gehe davon aus, dass es sich hier um die Situation „Jurist diktiert mit Dragon Legal“ handelt. Da wir Übersetzer doch immer wieder auf Begriffe stoßen, die zunächst nicht im Drachenköpfchen gespeichert sind, muss das Tierchen erst lernen. Nach etwa 18 Monaten erreiche ich aktuell eine Erkennungsgenauigkeit von 98 % bei deutschen Texten und 96 % bei französischen Texten.

Schwierigkeiten hat der deutsch schreibende Dragon bei Groß- und Kleinschreibung, Abkürzungen (z.B. Kürzel für Firmenabteilungen), Produkt- und Eigennamen und bei Sie/sie im Satz. Zum Beispiel schreibt mein Drachen konsequent „xxx nimmt an der Maßnahme (…) Teil“, wenn zwischen „Maßnahme“ und der trennbaren Vorsilbe „teil“ ein relativ langer Satzteil diktiert wird.

Der französisch schreibende Drachen steht ein wenig auf Kriegsfuß mit der Grammatik. Wenn es beispielsweise darum geht, Partizipien (participes passés) anzugleichen, kommt er hin und wieder ins Schleudern. Aber wahrscheinlich sagt er sich, dass selbst französische Muttersprachler das Thema nicht immer beherrschen. 😉

Mein Fazit nach 18 Monaten Zusammenarbeit mit Dragon: Für mich ein perfektes Arbeitstool, mit dem ich hervorragend arbeiten kann und das ich jedem empfehlen kann.

Noch mehr Infos gibt es hier:

Dieser FAZ-Artikel ist recht interessant, obwohl er von September 2010 ist und darin die Version 11 besprochen wird.

Und Stephan Küppers Blog sollte man abonnieren. Küpper beschäftigt sich seit 2002 mit der Thematik Spracherkennung / Digitales Diktat.  Fragen beantwortet er hier.

P.S. Dieser Blogpost wurde mit Dragon NaturallySpeaking diktiert und nicht korrigiert.

P.S. 2: Nein, ich bekomme für diesen Erfahrungsbericht keine Zuwendung jedweder Art von Nuance (weder direkt noch indirekt).

7 Gedanken zu „Nicht ohne meinen Dragon“

  1. Ich suche ein einziges Programm, mit dem zwei verschiedene Personen mit jeweils einer unterschiedlichen Fremdsprache arbeiten können.
    Eine Person diktiert in Deutsch.
    Die andere Person in Französich.
    Es handelt sich um handschriftliche Briefe, die jeweilse deutsch, teilweise französisch geschrieben
    sind und die jeweils von der gleichen französisch sprechenden und der gleichen deutsch sprechenden Person in ein Word Dokument verwandelt werden sollen.
    Es handelt sich um Windows 7.

    1. Ein Programm, mit dem Sie alles zusammen konsekutiv, ohne das Profil zu wechseln, machen können, kenne ich leider nicht.
      Nach meiner Kenntnis müssten Sie 2 x Dragon NaturallySpeaking (DNS) erwerben: einmal, um Deutsch zu diktieren (da hätten Sie auch gleich Englisch dabei) und einmal um Französisch zu diktieren (diese Software ist über die franz. Seite von Nuance, dem Hersteller, zu finden).
      Aber Sie können dann immer noch nicht in 1 und derselben Worddatei von einer Sprache zur anderen springen. Sie müssten dann z.B. in einem ersten Schritt mit dem deutschen Profil die deutschen Passagen diktieren (lassen) und dann in einem zweiten Schritt mit dem französischen Profil die französischen Passagen innerhalb dieses Dokuments diktieren (lassen).
      Am besten Sie rufen die Hotline von Nuance an. Gehen Sie einfach auf nuance (dot) de und fragen Sie im Chatfenster nach der Telefonnummer der Hotline. Vielleicht kennt man dort eine andere Lösung, die mir nicht bekannt ist. In diesem Fall würde ich mich darüber freuen, wenn Sie uns darüber berichten. 🙂

  2. Hallo Giselle,
    ich liebäugele auch mit dem Drachen 🙂
    Verfolge seit neuestem deinen Blog, ein Tipp aus der Facebook-Gruppe.
    Weißt du von Kollegen, die die Premium-Version nutzen? Oder sollte es für eine Übersetzerin schon Professional sein?
    Danke und viele Grüße
    Lea

    1. Hallo Lea, die allermeisten Kollegen arbeiten mit der Premium-Version. Ich habe die Professional Version, weil ich damals etwas „beratungsresistent“ war und es noch wenig Erfahrung im Kollegenkreis gab. Schau auch bitte in der FB-Gruppe (Üb.) unter „Dateien“, da habe ich eine PDF-Datei eingestellt.
      Viele Grüße
      Giselle

  3. Nun bin ich überzeugt! Der Drache ist auf meiner Einkaufsliste. Allerdings werde ich 2-3 Monate das Diktieren trainieren bevor ich diese Investition tatsächlich tätige. Tief in meinem Inneren steckt sicher ein kleiner Diktator. 😉

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