Und es gibt sie doch…

Angemessene Preise, vernünftige Bearbeitungsfristen, pünktliche Bezahlung… Zumindest diese Kriterien sollten Übersetzungsagenturen erfüllen, um als faire Geschäftspartner freiberuflicher Übersetzungsprofis zu gelten. Was „on top“ kommt, macht das Arbeiten auf dem freien Markt der Übersetzungsleistungen noch angenehmer. Denn tatsächlich: Es gibt sie doch, die guten Agenturen…

Über erbärmlich niedrige Preise, die viele freiberuflichen Übersetzerprofis dazu zwingen, feste Teilzeitjobs anzunehmen, unrealistische Liefertermine und kuriose bis unverschämte Anfragen von Billigagenturen, die in der Branche lediglich als Umtüter – Datei rein, Datei raus, alles ohne jeglichen Mehrwert – bezeichnet werden, wurde auf Rüsterweg bereits ausführlich berichtet. Mein Artikel „Hauptsache schnell und billig“ ging nicht zuletzt dank der Übersetzung von Chris Irwin im wahrsten Sinn um die Welt. Und leider sind diese Umtüter viel zu zahlreich.

Auf der anderen Seite gibt es sie doch, die wenigen „guten“ Agenturen, denen es gelingt, bei allem Termin- und Kostendruck vonseiten der Auftraggeber eine angenehme und für beide Seiten fruchtbare Geschäftsbeziehung zu ihren freiberuflichen ÜbersetzerInnen aufzubauen.

Was macht eine gute Agentur aus? Eine Blitzumfrage ergab, dass freiberufliche ÜbersetzerInnen an Agenturen folgende Erwartungen richten:

Pünktliche Bezahlung: 

Die vereinbarte Zahlungsfrist ist einzuhalten.  Das gilt selbstverständlich auch für Übersetzungs- und Dolmetschleistungen.

Agenturen zahlen zwar weniger als Direktkunden, dafür ersparen sie den Übersetzern die Akquise. „Man darf nicht vergessen“, so Johann Paul Lohberger von der Berliner eubylon, „dass Agenturen auch die Funktion einer Mini-Bank übernehmen, denn wir bezahlen unseren Übersetzer auch dann, wenn der Kunde seine Rechnung noch nicht beglichen hat“. Dem schließt sich auch Erik Hansson, Gründer und Geschäftsführer der Hansson Übersetzungen GmbH, an: „Ein verspäteter Zahlungseingang des Kunden darf keine Ausrede dafür sein, die Rechnung des Übersetzers später zu begleichen, denn der hat ja schließlich seine Leistung erbracht“.

Als „angemessen“ gilt bei den KollegInnen ein Zahlungsziel von 4 Wochen. Dass die Wortpreise nicht superhoch sind, sei eine Sache, dass der Cashflow nicht leidet, sei allerdings sehr wichtig, brachte es eine Kollegin auf den Punkt.

Faire Wort- bzw. Zeilenpreise:

Es hat sich gezeigt, dass die KollegInnen sogar bereit sind, einen etwas niedrigeren Preis zu akzeptieren, wenn alles andere stimmt.

Professionalität:

Hier liegt der Hase im Pfeffer. Den meisten Bossen in sog. Umtüterfirmen geht es nämlich nur ums schnelle Geld. In einer professionell geführten Übersetzungsagentur wird derjenige, der die eigentliche Urleistung – das Übersetzen – erbringt, betreut: „Bei Fragen stehen die Projektmanager dieser guten Agenturen zur Verfügung, leiten meine Fragen und Kommentare an den Kunden weiter und seine Antworten dann an mich“, erklärt Michaela Sommer aus Hann. Münden, die vor allem mit britischen Agenturen zusammen arbeitet und unter anderem Brightlines in Corsham/Wiltshire, Better Languages in Nottingham und Codexglobal in London zu ihren Favoriten zählt.

Fachmännische Führung:

Die allermeisten Agenturen werden nicht von Übersetzern geführt, was per se nicht problematisch ist, wenn – und das ist enorm wichtig – sich die leitenden Personen für den Beruf und die Arbeit des Übersetzerprofis interessieren, sich damit befasst und ein sehr präzises Bild davon haben, wie das Übersetzen vor sich geht und was alles dazu gehört. Dies ist beispielsweise bei der Berliner Agentur eubylon der Fall, mit der ich vor einigen Jahren länger gearbeitet habe. „Gute Übersetzer sind doch letztendlich das Kapital einer Agentur. Nur wenn ein Übersetzer seine Arbeit sowohl mit der Bezahlung als auch in Form von Anerkennung gewürdigt bekommt, ist er doch bereit, die Agentur als Partnerin zu sehen und sich langfristig für sie zu engagieren“, erklärt eubylon Geschäftsführer Johann Paul Lohberger, der stets auf Augenhöhe mit den Übersetzerprofis seines Netzwerks agiert.

Der respektvolle Umgang mit den freiberuflichen Übersetzern, die MIT ihm – und nicht FÜR ihn – tätig sind, zeichnet auch Erik Hansson aus, der hinzufügt: „Eine gute Agentur versteht die Arbeitsweise des Übersetzers und trägt daher ihren Teil dazu bei, indem sie die Ausgangstexte hinsichtlich der Formatierung u.ä. vorbereitet, damit die wertvolle Zeit des Übersetzers sinnvoll eingesetzt wird“.

Feedback

Übersetzen, Drücken der Sende-Taste und fertig? Nein, Übersetzerprofis wünschen sich mehr Feedback von ihren Kunden, ob Direktkunden oder Agenturen. Und auch hier heben sich gute Agenturen von den anderen ab: Verantwortungsvolle und engagierte Projektmanager leiten das Feedback des Kunden und/oder des Proofreaders an den Übersetzer weiter. Denn: Nur so kann Letzterer beim nächsten Auftrag für denselben Kunden die Rückmeldung auch berücksichtigen.

Umgang und Fairness

Aufschlussreich ist übrigens, dass bei meiner Blitzumfrage nach den „Guten“ viele der genannten Agenturen in Großbritannien angesiedelt sind – stets mit dem Hinweis, diese seien besonders freundlich im Umgang mit den Übersetzern. Zufall? An zweiter Stelle in der nicht repräsentativen Rangliste nach Ländern stehen dabei gleichauf Tschechien und die Slowakei, Platz 3 belegt Frankreich. Man bekomme von osteuropäischen Agenturen zwar nicht ganz so viel Geld für seine Leistung, die Mitarbeiter der Agenturen seien jedoch „freundlich und kompetent“.

Auch in Bezug auf andere Rahmenbedingungen wie beispielsweise den Abgabetermin ist zu erkennen, ob fair gespielt wird: „Im Umgang ist entscheidend, dass eine Agentur bei den Deadlines nicht nur an sich denkt, sondern auch dem Freelancer genügend Zeit lässt – und das mit dem Kunden aushandelt, nicht mit mir“, unterstreicht Herbert Fipke, der vor allem technische Texte aus dem Englischen und Spanischen ins Deutsche übersetzt.

Und „schließlich“, unterstreicht Übersetzerin und Dolmetscherin Franziska Pieloth aus Leipzig, „zählt dazu ganz banal die persönliche Ansprache, hin und wieder vielleicht etwas Smalltalk, Lob und Kritik auf konstruktive Weise und vor allem auch Verständnis, sollte mal etwas nicht einwandfrei laufen“.

Denn: Auch Übersetzer sind Menschen mit Gefühlen…

P.S. Vielen Dank an alle, die mir in den verschiedenen Blitzumfragen, Kurzinterviews, Mails usw. ihre Erfahrungen vermittelt haben.

3 Gedanken zu “Und es gibt sie doch…

  1. Pingback: Was hier steht, bestimme ich | Rüsterweg

  2. Es freut mich, dass es noch mehr gute Agenturen gibt, als ich aus eigener positiver Erfahrung der letzten 10 Jahre bestätigen kann, darunter auch drei Agenturen in der Schweiz… Sie erfüllen nicht nur alle genannten Kriterien, sondern ermöglichen mir auch den Kontakt zu interessanten Großkunden, die ich als Freelancer allein gar nicht bedienen könnte.

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