Ganz schön mächtig

Beginnen wir mit einem Rätsel: Wenn sie als Kollektiv auftreten, sind sie unbeweglich, als einzelnes Element dagegen überhaupt nicht. Was ist das?

Gemeint sind die Buchstaben, die im Alphabet in einer ganz bestimmten Reihenfolge stehen und somit „als Alphabet“ unbeweglich sind.

Im ihrem „Einzeldasein“ können sie miteinander auf vielfältige Weise kombiniert werden und erhalten so eine unglaubliche Beweglichkeit, die ihnen bisweilen große Macht verleiht. Diese Macht liegt nicht nur darin, dass aus ihnen Wörter gebildet werden, die zum Beispiel Gutes oder Böses, Liebe oder Hass, Freude oder Trauer verheißen und über Richtig oder Falsch, Schön oder Hässlich, Weiß oder Schwarz entscheiden können  – einschließlich der unendlich vielen Varianten und Nuancen zwischen den genannten Extremen und der ebenso zahlreichen Abweichungen, die sich sozusagen links und rechts in mehr oder weniger großer Entfernung bewegen.

Die Macht des Buchstabens zeigt sich auch und vor allem darin, dass ein Einzelner im wahrsten Sinne alles verändert. So vermag ein kleiner Konsonant beispielsweise einen Konflikt auflösen oder auslösen – ein großer Unterschied, wie ich meine. Aus der angenehmen Milde wird ein lästiger Schmarotzer in Matratzen, wenn man nur einen winzigen Buchstaben buchstäblich umdreht. Und aus einem traurigen Umstand, von dem viele alte Menschen betroffen sind, wird ein nützliches Körnchen aus der Natur – einfach durch Voranstellen eines einzigen eleganten Buchstabens.

Diese herausragende Fähigkeit eines vermeintlich unbedeutenden Teilchens nutzen wir häufig, ohne uns dessen bewusst zu sein, in sprachlichen Wendungen des Alltags. So leben wir möglicherweise in Saus und Braus, geraten manchmal außer Rand und Band und vernachlässigen einen wichtigen Grundsatz: In der Kürze liegt die Würze.

Dass Banken, Unternehmen und mittlerweile Staaten zittern, wenn Ratingagenturen mit „ihren Buchstaben“ die Kreditwürdigkeit bewerten, weiß spätestens seit der Krise um Griechenland jedes Kind.

Und noch eines fällt mir beim Thema Buchstaben ein: Ich kenne eine Reihe von Leuten, die die kompliziertesten Programmiersprachen beherrschen, die einem weder ein fehlendes Semikolon noch einen überflüssigen Doppelpunkt verzeihen. Ingenieure, die schwierigste Berechnungen aufstellen und Formeln anwenden. Aber mit der Rechtschreibung der „normalen“ Sprache nehmen es die Jungs (ja, es sind meistens Jungs) alle nicht so genau. Na ja, es gibt natürlich Ausnahmen (nicht, dass die mir jetzt alle die Freundschaft kündigen). Und übrigens gilt das – nach meiner Erfahrung – sowohl für Deutsche als auch für Franzosen.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie lesen gelernt haben? Meine vier Jahre ältere Schwester Lilian spielte „Schule“ mit mir und brachte es mir bei, als ich fünf war. Was für eine Entdeckung! Buchstaben, die im Prinzip beliebig, jedoch sinnvollerweise sinngebend kombiniert werden können. Mit der neu erworbenen Fähigkeit eröffnete sich eine neue Welt.

Um so trauriger und erschreckend zugleich ist, dass es in Deutschland – wie es vor wenigen Tagen durch die Presse ging – etwa 7,5 Millionen Menschen gibt, die nicht oder nicht richtig lesen und schreiben können, das sind 14 %. „Überraschend ist, dass unter den Betroffenen auch rund 12 Prozent Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss sind“, heißt es in der Publikation leo. vom März dieses Jahres. In Frankreich sind laut dem Statistikamt INSEE etwa 9 %, das heißt etwas über 3 Millionen Menschen, vom sogenannten funktionalen Analphabetismus betroffen.

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