Das Ausrufezeichen in der französischen Sprache

Über das von Deutschen offensichtlich so heiß geliebte Ausrufezeichen und seine inflationär wachsende Verwendung in der deutschen Sprache brauche ich hier nicht mehr einzugehen: Hierzu empfehle ich den exzellenten Beitrag von Alexandra Kleijn.
Aber wie steht es mit diesem scheinbar unscheinbaren Satzzeichen in der französischen Sprache?

Schon in der Grundschule lernt jedes Kind in Frankreich, dass nach Befehlen und Ausrufen zwingend ein ! zu setzen ist. So schreibt man „Que c’est beau !“ (Anmerkung am Rande: Im Französischen werden fast alle Satzzeichen konsequent durch ein Leerzeichen vom vorangegangenen Wort getrennt) oder „Oh !“, wenn man erstaunt ist. Na bitte, wie in Deutschland. Doch da ist schon Schluss mit den Gemeinsamkeiten.

Während es in Deutschland unendlich viele Hinweise der Art „Tun Sie dies / jenes!“ – natürlich mit Ausrufezeichen – oder „Achtung…!“ zu lesen gibt (und bitte zu befolgen gilt), heißt es in Frankreich fast durchgängig „Veuillez faire …“ – ohne Ausrufezeichen, versteht sich, denn es gleicht ja einer Bitte.

Beispiele aus Deutschland:
– Tür schließen!
– Nach 20 Uhr abschließen!
– Keine Asche in die Mülltonnen geben!

Beispiele aus Frankreich:
– Veuillez pousser SVP.
– Merci de verrouiller la porte après 20 heures.
– Eviter de jeter des cendres dans les poubelles.

In der Tat – wie es in oben genanntem Beitrag bestens veranschaulicht wurde – häufen sich im Deutschen Fälle, in denen der Gebrauch des Ausrufezeichens nicht nur überflüssig ist, sondern auch das Gegenteil als das Beabsichtigte bewirkt. So sah ich vor wenigen Tagen auf einem eingezäunten privaten Grundstück an einem Baum ein Schild, auf dem stand:

Dies ist ein Kinderspielplatz!!!
Der Eigentümer!

Und eine Versicherung wirbt aktuell auf ihrer Homepage (ich will hier keine Werbung machen) mit:

Ausgezeichneter BU-Schutz für Sie!

Ein Gastwirt im pfälzischen Edenkoben wirbt auf einer außen aufgestellten Tafel (exakt so gesehen und leider nicht fotografiert):

Heute!
Kotelett, Rotkraut
+ Katoffeln!
Gut+günstig!
9,- Euro!

Na, wer da noch zögert…! ;-)

Die Franzosen gehen dagegen mit dem Ausrufezeichen eher sparsam um und verzichten häufig auf Schildern ganz auf Satzzeichen. So gesehen:

Attention avalanches

Hier fragt man sich übrigens, ob sich die Menschen vor Lawinen in Acht nehmen sollen oder die Lawinen?

In deutschen Gebrauchsanleitungen und anderen erläuternden Texten liest man dann auch etliche Sätze, in denen das Verb im Imperativ (also in der Befehlsform) steht und die nicht selten mit einem ! enden. Im Französischen wird dann entweder ebenfalls mit Imperativ gearbeitet, der Hinweis jedoch mit einem Punkt abgeschlossen. Oder aber die Anweisungen stehen in der unpersönlicheren Infinitivform.

Beispiel:
– Arrêter le moteur, retirer la clé de contact et bloquer le volant.
– Poser une cale sous l’une des roues.
– Placer la manivelle…

Bei ganz wichtigen Hinweisen, die auf eine Gefahr aufmerksam machen sollen, bedient sich der Franzose eher der Großbuchstaben und schreibt: 

ATTENTION AUX SURFACES INSTABLES

oder er meint, dass ein einziges ! nach dem warnenden „Attention !“ ausreichend ist:

Attention !
Risque d’avalanches

Großbuchstaben werden allerdings meiner Meinung nach in französischen (technischen) Texten im Überfluss gebraucht. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Im Zuge meiner Recherchen bin ich übrigens auf einen vierzehnseitigen Beitrag von Liselotte Biedermann-Pasques gestoßen, der im sprachwissenschaftlichen Magazin Faits de langues (Ausgabe 1995) erschienen ist. Die Autorin hat herausgefunden, dass das Ausrufezeichen – das „punctus admiratiuus“ – erstmals 1399 verwendet wurde. Das „Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm“ datiert das erste Auftreten des (sic) „Verwunderungszeichens“ bzw. „signum admirationis“ ins 15. Jahrhundert.

Insgesamt plädiere ich für einen sparsamen Gebrauch des Ausrufezeichens – auch und vor allem im Deutschen. Egal in welcher der hier betrachteten Sprachen: Wer das ! zu häufig verwendet, geht fahrlässig mit der Funktion von Satzzeichen allgemein um und riskiert damit, nicht mehr ernst genommen zu werden. Manche Mail, die mich erreicht, in der gleich mehrere Ausrufezeichen hintereinander einen einzigen Satz „krönen“, machen auf mich den Eindruck, als seien sie von einer hysterischen, in Panik verfallenden oder psychotischen Person geschrieben worden, die gerade von Außerirdischen bedroht wird. Da muss ich unwillkürlich an Terry Pratchett denken, der in seinem Roman „Reaper Man“(dt. Titel: „Alles Sense“) schreibt: “Five exclamation marks, the sure sign of an insane mind.” (Übersetzung etwa: “Fünf Ausrufezeichen – ein sicherer Hinweis auf einen kranken Geist.”

Wie immer im Leben lautet die Devise: Alles mit Maß und Ziel.

P.S. Nochmals ein herzliches Dankeschön an Alexandra Kleijn für die Anregung.

5 Gedanken zu “Das Ausrufezeichen in der französischen Sprache

  1. Pingback: Gute Schulkenntnisse machen noch keinen Übersetzer | Rüsterweg

  2. Ein sehr interessanter Beitrag! (Das Ausrufezeichen gehört dort auf jeden Fall hin ;-))
    Ich kenne mich mit der französischen Sprache leider viel zu wenig aus und fand es spannend, zu lesen, dass man in Frankreich also auch eher zurückhaltend mit diesem Satzzeichen umgeht.

    Herzlichen Dank für den Link zu buurtaal.

    • Mein Dank gilt dir, denn ohne deinen Beitrag auf buurtaal hätte ich wahrscheinlich nicht über das Thema nachgedacht. :-)
      War heute Abend in der Pfalz, und was sehe ich da in der Weinstube auf einer Tafel am Tresen: “Heute im Angebot! Fastnachtsküchle! Ganz frisch!!!”
      Warum am Ende gleich 3 Fragezeichen? Damit man wirklich glaubt, dass die Dinger (= Berliner) frisch sind? Ich habe das Gefühl, überall nur noch Ausrufezeichen zu sehen, wahrscheinlich träume ich heute Nacht davon.

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